Vom Kopftuch, der Kleiderordnung und mehr...

Es war klar, dass die Kleiderordnung im Iran anders ist. Gedanken darüber habe ich mir keine gemacht, denn anderes Land, andere Sitten. Doch ein Tag bevor wir in den Iran reisten, löste es sehr wohl etwas aus. Lange Kleidung, die Arme sollen bedeckt sein und ein Kopftuch zu tragen ist Pflicht. Da ich auch im Winter kurzärmlige T-Shirts trage, war ich nicht gerade angetan. Auf einmal stellten sich die Gedanken der „Freiheitsberaubung“ ein. Warum, wenn es mir zu warm ist, muss ich lange Ärmel tragen, und ein Kopftuch, das zusätzlich wärmt. Es ist wie es ist, da gibt es nichts zu rütteln, Gedanken hin oder her, ich muss mich damit anfreunden, sonst nehme ich mir selbst die Freude.

Am Morgen der Einreise trug ich meinen türkisen Schal, Jeans mit Gürtel, kurzes T-Shirt und darüber eine lange Jacke, die allerdings vorne offen war. Das war für mich voll in Ordnung. Rein in den MOG und ab in den Iran. An der Grenze legte ich das Kopftuch an, zog meine Jacke über und fertig Und jetzt sitze ich mit Kopftuch und langen Armen in unserem MOG. Als wir am  Nachmittag gegen die Sonne fahren und diese durch die Scheibe vom MOG brennt,denke ich, das wird ja heiter. Es sind nicht mal 20 Grad und es ist mir schon warm. Wieder beschwichtige ich mich: andere Frauen kriegen es auch gebacken, also kein Gejammer. Als wir an unserem ersten Abend im Restaurant sitzen, ist es mir regelrecht heiß unter dem Kopftuch, und wer mich kennt, weiß dass ich dann knallrote Wangen bekomme. Trotz allem, das Essen habe ich gut überstanden.


Unsere erste große Stadt ist Tabriz. Unser MOG steht in einem Park, und um in die Stadtmitte zu kommen, benutzen wir öffentliche Verkehrsmittel. Die erste Möglichkeit ist mit der U-Bahn zu fahren, die wir natürlich nützen. Sie ist neu und für Touristen kostenlos. Als wir in der U-Bahn sitzen, sehe ich ein reines Frauenabteil. Doch mir wird versichert, dass wir „gemischt“ sitzen dürfen. Die jungen Frauen im Frauenabteil rufen mir „Hello“  entgegen und winken mir freundlich zu. Als wir auf der Rolltreppe stehen, werde ich gleich angesprochen, das Übliche, das sich immer wiederholt. Nun machen wir Selfies und ich zupfe an meinem Kopftuch herum, da es mal wieder verrutscht. Die Mädels lachen, winken ab und geben mir zu verstehen, „passt schon“! Es war ein schönes Willkommen in der Stadt. Diese Begegnungen ziehen sich durch die ganzen Tage. Wunderschön, die Frauen sind offen, lächeln und grüßen. Hier kannst du nur gute Laune haben. Ich beschließe, das ist das Kopftuch wert. Und oft wirkt das Kopftuch wie Schmuck, die Frauen kokettieren damit. Natürlich gibt es auch die Frauen, die komplett in schwarz gekleidet sind. Diese Frauen sprechen einen auch nicht an. Die Begegnungen  habe ich in erster Linie  im Bus, und hier ist mir aufgefallen, dass auch darunter einige Frauen richtig blitzende Augen haben. Sie lächeln mir zu. Wenn das Eis gebrochen ist, ist es für jede der Damen eine Selbstverständlichkeit mir einen Abschiedsgruß, entweder mit Winken, Nicken oder Lächeln entgegen zu bringen. Vorhin habe ich die U-Bahn angesprochen. In Tabriz ist es tatsächlich so, dass Frauen im Bus hinten ein separates Abteil haben. Für mich ist das sehr gewöhnungsbedürftig, zumal ein Mann die Tickets kassiert. Hin und wieder gibt es auch in den Restaurants eine Sitzordnung, in der Frauen entweder hinter einem Vorhang oder separaten Raum sitzen. Daran habe ich mich nicht gehalten. Zum Glück bin ich eine Touristin. Wie der Zufall es will, treffe ich eine 25-Jährige Iranerin, bei der ich einige Antworten auf meine Fragen erhalte. Mir brannte es unter den Nägel, welchen Sport die Frauen im Iran machen. „Wir  gehen ins Fitnessstudio und tanzen Zumba“.sagt sie laut lachend.  „Die Frauen morgens und mittags die Männer.“ Soweit ich verstanden habe, darf man  Sport ohne Kopftuch ausüben. Komisch ist auch, dass  Frauen kein Fahrrad oder Motorrad fahren dürfen. Aber wie das im Iran eben so ist, Ausnahmen bestätigen die Regel. Zwar selten, aber dennoch haben wir jungen Frauen auf dem Fahrrad oder sogar auf dem Motorroller gesehen. Natürlich kommt meine Gesprächspartnerin auch auf  Angela Merkel zu sprechen. Sie ist irgendwie ihr Vorbild, oder sagen wir besser Leitbild:, denn eine Frau in solcher  Position, das ist im  Iran für Frauen nicht möglich.. Das stimmte sie sehr traurig. Viele Frauen sind im Iran gut ausgebildet aber  finden nicht die passenden Jobs. Und leider ist es so, dass deshalb edoch immerwieder  Frauen das Land verlassen wollen, um eine qualifizierte Arbeit zu finden –speziell die jungen und Ehrgeizigen unter ihnen.  Auch sie möchte nach Kanada, um ihr zweites Studium zu absolvieren. Und natürlich wird auch über das Kopftuch geredet, das sie natürlich auch als lästig empfindet, aber darunter ist eine ganz moderne, selbstbewusste, intelligente Frau mit viel Humor. Gerne hätte ich sie noch näher kennengelernt. Diese junge Generation ist offen und neugierig, ich bin gespannt wie das Land sich entwickelt.ein. Klar ab jetzt schaue ich mir die Frauen genauer an:Wie tragen sie das Kopftuch und wie werden die Kleider getragen? Tja, ich sehe in der Öffentlichkeit niemanden bei dem man den Gürtel sieht. Ok, ratter, ratter, was habe ich anderes zum Anziehen? Der Entschluss steht fest, einkaufen. Eine lange Bluse, einen Mantel, ein anderes türkisfarbenes Kopftuch und eine blaue Leggins für die Bluse Jetzt fühle ich mich bedeutend wohler. Es ist mein Stil mit iranischem Einfluss. Die Bluse ist sehr leicht, und auch wenn die Arme bedeckt sind, kann ich sie wunderbar tragen. Damit kann ich leben. Da nun fürs Erste, diese Thematik geklärt ist, habe ich nun endlich Zeit, mich den anderen Dingen zu widmen.

Freitagsgebet unter Frauen

Am Freitag ­besuchen wir die Freitagmoschee in Isfahan. Das ist ein spannender Akt. Beim Betreten, muss  man zuerst durch eine Sicherheitskontrolle, die selbstverständlich von Frauen durchgeführt wird. Meine Handtasche musste ich komplett leeren. Danach wird mir ein cirka 2 auf 2 Meter langes grün gemustertes Tuch überreicht, das ich über mein Kopftuch legen muss. Eine kleine Plastiktüte für die Schuhe liegen griffbereit, danach Schuhe ausziehen, in den Beutel und in den Gebetssaal, der mit einem grünen Tuch von den Männer getrennt ist.Ich setze ich mich weit hinten an den Rand. Eine ganz in schwarz gekleidete Dame mit Staubwedel kommt auf mich zu und redet auf mich ein. Ich lächle und gebe zu verstehen, dass ich nichts verstehe, sie lächelt und geht wieder. Ich bin beschäftigt mein Tuch zu halten, wenn ich meine Sitzposition ändere. Tja, da gehört Routine dazu. Es wird voller, neben mir setzt sich eine ältere Frau, bereitet ihren Gebetsteppich aus und gleich darauf reiht sich eine weitere  Dame ein. Oh, wieder die Dame mit dem Staubwedel, die jetzt nicht mehr lächelt und ein sehr bestimmendes Gespräch führt. Mir ist klar, ich muss nach vorne. Doch ich wollte doch nur Beobachter sein. Nun ja ich nehme meinen Schuhbeutel, rücke meine Kopftuch und den Umhang zurecht und setze mich an die angeordnete Stelle. Neben mir sitzt schon eine Frau. Sie hat einen ganz kleinen Hocker auf dem sie sitzt. Davor hat sie ein viereckiges Tuch, auf dem nochmal ein kleineres liegt und darauf ein Gebetsstein. Die Gebetskette liegt daneben. Immer wieder in unregelmäßigen Abständen höre ich meine linke Nachbarin in einer Plastiktüte rascheln. Jetzt bin ich neugierig, was macht sie? Ein Blick nach links und was sehe ich? Sie isst. Kaum ist es mir bewusst, kommen drei Frauen und setzen sich rechts neben mich. Sie begrüßen mich mit einem Lächeln, und nun beginnt es wieder: Schuhe und Tasche werden davor platziert. Ausgepackt, werden wieder die Tücher, Gebetsstein und Kette. Alles schön hingerichtet. Ich bin fasziniert, wie alles seine Ordnung hat, als sich links noch eine Dame reinquetscht. Dachte auch schon, oh ich kann ein wenig freier sitzen, doch weit gefehlt. Auch sie richtet sich ein. Jede lächelt jede an. Die Damen rechts unterhalten sich, zeigen sich auf dem Smartphone Bilder und Videos und lachen und reden. Dann packt sie eine Zeitschrift aus und liest etwas. Wieder dreht sich eine andere um, begrüßt mich und stellt fest, dass ich ganz „nackig“ dasitze. Sie steht auf und gibt mir ihre Gebetskette. Die Dame links neben mir, gibt mir eines ihrer Tücher und einen Gebetsstein. Alle schauen sich an und sind sichtlich zufrieden, ich bin jetzt ausgerüstet. Ich komme nicht aus dem Staunen, da bekomme ich von der Dame links ein Stück Fladenbrot und eine Mandarine. Wieder dreht sich eine Dame von vorne um und ich bekomme getrocknete Früchte. Nachdem ich allen erklärt habe, dass ich aus Deutschland komme sind sie zufrieden. Jetzt werde ich wieder von hinten angestupst, und mir wird gezeigt, meine Haare haben sich verselbständigt. Die Aufpasserin mit Staubwedel bemerkt es und in Windeseile steht sie vor mir. Doch ich war schneller, ein prüfender Blick, ein Abnicken ihrerseits und weg war sie. Die Damen neben mir lächeln mich an und sie drückt mir die Hand, um mir zu verstehen zu geben, alles in Ordnung. Zwischendurch beten die Damen, dann wird wieder gegessen, geredet gelacht, Essen getauscht. Doch immer wieder stellten sie mir Fragen, so nahm ich kurzerhand mein Handy und zeigte unsere Website. Plötzlich wird es still. Alle stehen auf. Eine ältere Dame, zwei Reihen vor mir, schaut mich strafend an. Klar, meine Haare und mein Tuch war verrutscht. Ich überlege, wie ich das Übel beseitigen kann, doch die Dame direkt vor mir dreht sich um und nimmt sich meiner an. Das Kopftuch wird streng gebunden und kurz bleibt mir die Luft weg. Diese Dame möchte ich nicht als Schwiegermutter haben. Ich setze mich wieder, da ich es den anderen nachmache. Das Verneigen habe ich nur mitgemacht, wenn alle es machten. So ganz alleine mit erhobenen Haupte, das war ein komisches Gefühl. Und etwas Gymnastik schadet nicht. Meine Nachbarin symbolisiert mir, dass es kalt ist und nimmt meine Hände und stellt fest, dass sie kalt sind. Also werden meine Hände von 3 Frauen gewärmt und ich bekomme noch ein Tuch zusätzlich. Wieder liegt ein Bonbon auf meiner Tasche. Wieder ein Lächeln und Danke. Es wird aufgeräumt und ich gebe, das Messer, die Gebetstücher-und den Stein wieder zurück. Die Nachbarin links lächelt mich an und packt ihr Parfüm aus, das sie sich an den Hals und Kleidung sprüht, sie zeigt mir dass ich dieses bei mir machen soll. Leichte Übung, und ich bedanke mich. Doch dessen nicht genug, sie möchte es nicht zurück und zeigt mir, dass sie noch ein zweites hat. Nun liegt noch ein Stück Brot, eine Mandarine und ein Stück Apfel auf dem Boden, was mache ich damit?  Prompt bekomme ich von der rechten Nachbarin eine Tüte gereicht. Gut so. Problem gelöst. Ich werde wieder von allen Seiten angestupst, da sie sich von mir verabschieden möchten. Meistens werden vertikal beide Hände mir entgegengestreckt und ich lege eine Hand dazwischen, auch bekomme ich Küsse und Wünsche und überhaupt ich bin platt. Ganz beseelt ziehe ich meine Schuhe an, gebe das Tuch ab und ich finde, es war wunderschön, lustig und warmherzig. Ich glaube die Männer hatten nicht so viel Spaß...

Kommentare: 6
  • #6

    Klaus (Samstag, 20 Januar 2018 17:56)

    Servus Claudia und Flo,
    jetzt haben wir Eueren tollen Blog gefunden. Der 11.12. ist zwar schon eine gute Zeit her, dennoch wollen wir auch noch nachträglich zum 60. Geburtstag gratulieren. Eure Reise wird hoffentlich das schönste Geschenk bleiben, das man sich machen kann. Passt gut auf Euch auf! Liebe Grüße auch von LAN DY 30 an MOG :-)
    Liesi, Lena, Lukas und Klaus

  • #5

    Heike (Donnerstag, 23 November 2017 11:14)

    Liebe Claudia und lieber Florian,

    nachdem ich nun wieder daheim bin, konnte ich mir die ganzen wunderbaren Fotos endlich auf dem großen Monitor anschauen. Wow! Danke dafür. Ich bin jetzt ein bisschen verliebt in den Ararat. Der Fuji wird schon eifersüchtig :-)

    Übrigens, wo Ihr so viele Menschen getroffen habt, die früher mal in Deutschland gelebt haben - so eine Begegnung hatte ich kürzlich auch. Der Mensch war fassungslos über das, was er derzeit über Deutschland in den Nachrichten hört - Regierungsbildung funktioniert nicht, der Hauptstadtflughafen wird nie fertig etc. - und wollte wissen, ob das denn tatsächlich stimme. Das seien ja entsetzliche Zustände, das hätte er nie gedacht von Deutschland. Naja, macht Euch keine Sorgen, falls Ihr mal wieder heimwollt: Wird sich alles richten lassen!

    Ich wünsche Euch eine gute Weiterreise und bin sehr gespannt auf den nächsten Bericht aus dem Iran. Passt bitte gut auf Euch auf!!!

    Alles Liebe
    Heike

  • #4

    Heike (Samstag, 21 Oktober 2017 17:11)

    Das klingt alles traumhaft und sieht traumhaft aus. Weiter so �

  • #3

    Silke (Samstag, 21 Oktober 2017 10:03)

    ....wie schön, so dicht mit dabei zu sein...
    alles Gute weiterhin u. lg silke �☘️�

  • #2

    Freiwillige Feuerwehr Osthofen (Samstag, 16 September 2017 22:32)

    Wir wünschen euch auf eurer Reise viele spannende Abenteuer.
    Wir werden euch in eurem Block verfolgen.
    Viel Spaß
    Ingo und seine Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Osthofen

  • #1

    Alexis Lamaye (Freitag, 08 September 2017 17:56)

    Hallo Florian und Claudia,
    das sieht ja alles sehr vielversprechend aus. Ich habe großen Respekt vor Euch und Eurem Vorhaben und wünsche Euch schon heute einen guten Start und eine wundervolle Reise.
    Beste Grüße
    Alex