(Teil 2):   Über die Provinz Golestan in Richtung Teheran und weiter nach Armenien

 

Der Nationalpark Golestan und Khaled Nabi. Die grüne Provinz im Osten.

 

Golestan und sein Nationalpark ist unser nächstes Ziel. Viel über diese iranische Provinz und den Nationalpark, der zu den ältesten im Iran gehört, findet sich auch in unserer Reiseliteratur nicht. Umso spannender und interessanter, sagen wir uns. Wir freuen uns auch auf die höhergelegenen Gebiete und ein kühleres Klima, denn die Hitze nimmt immer mehr zu. Bis wir aber in der Provinz Golestan, genauer gesagt in der Gegend um Kalaleh ankommen, liegen zwei stramme Fahrtage über gut ausgebaute Straßen vor uns. Als wir dann über eine kleine Gebirgskette in die Region des Nationalparks einfahren staunen wir nicht schlecht: Vor uns liegen bunte Blumenwiesen und es offenbart sich eine Landschaft die sich um dieses Jahreszeit im saftigen Grün präsentiert. Wir erfahren dass die "grüne Periode" in diesem Landstrich nur rund zwei bis maximal 3 Monate im Jahr (März bis Mai) dauert. Danach bleicht die Sonne die Landschaft mehr und mehr aus, es wird trockener, und die Winde verfrachten den Sand auf die derzeit noch grünen Hügel. Wir sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und für uns ist es eine willkommene Abwechslung, nach Monaten in den Wüstenregionen des Oman, der Emirate und der Wüste Lut. Wir können uns gar nicht sattsehen. 

 

Im Nationalpark fahren wir schnurstracks direkt zum Grabmal von Khaled Nabi, einer beliebten Pilgerstätten in dieser überwiegend von sunnitischen Turkmenen bewohneten Region. Über das Grabmal von Khaled und seine Geschichte ist nur relativ wenig bekannt und hinterlegt. Angeblich hat er als Prophet im südarabischen Raum gewirkt soll unter anderem auch die Geburt von Jesus vorausgesagt haben...  Wie auch immer: die Lage seiner letzten Ruhestätte ist jedenfalls gigantisch. Auf dem letzten Felsvorsprung einer Bergkette liegt der neuere aber bescheidene Grabbau in dem der Schrein jetzt untergebracht ist. Von dort aus blickt man in eine atemberaubend weite und sandige Tiefebene die sich bis zur turkmensichen Grenze und auf der anderen Seite bis zum Kaspischen Meer erstreckt. Die Fläche im Umkreis des Grabmals gleicht einem kleinen Markplatz. Viele kleine Stände versorgen die Besucher mit allerlei Leckereien aber auch viel billigen Plastik-Souvenirs. Überall wird Picknick gemacht und der Geruch von Grillfleisch wabert über den Platz. Die bunten Kleider der Turkmenen sind in der sonst doch so tristen Kleiderordnung der schiitischen Iraner eine willkommene Abwechslung. Uns irgendwie erinnert die Situation mehr an an einen Platz irgendwo in der Türkei, als an den Iran, den wir sonst so kennengelernt haben. Lange verweilen wir hier oben und genießen die Momente und das bunte Treiben rund um die kleine Kapelle.

 

Am späteren Nachmittag suchen wir uns in den grünen Hügeln weiter unten einen Übernachtungsplatz. Über kleine Sandwege fahren wir immer tiefer in die grüne Steppe hinein und bleiben dann auf einem Hügel mit grandioser Rundumsicht stehen. Hin und wieder fahren Hirten auf ihren Motorrädern an uns vorbei die durch Hügellandschaft knattern um ihre Herden zu kontrollieren. Und wie es im Iran eben so ist: den ersten Abend verbringen wir zusammen mit vier jungen Burschen aus Teheran, die mit ihrem Geländewagen ein paar Tage  in Urlaub sind und nicht weit von uns Picknick machen. Sie sprechen recht gut Englisch und so drehen sich unsere Gesprächsthemen natürlich recht schnell wieder um die Zukunft des Irans und vor allem um die Zukunftschancen und Perspektiven der jungen Menschen. Es ist schon sehr ernüchternd was die vier Jungs da so zu berichten wissen - und was sie so empfinden. Bei aller Begeisterung für das Land und seine Menschen stimmt uns das alles doch wieder recht traurig und nachdenklich. Erst bei Dunkelheit fahren die vier Jungs weiter,  aber nicht ohne dass wir vorher gemeinsam den letzten Whisky aus dem Duty Free Shop im Hafen von Sharaija vernichtet haben. 


Teheran: 12 Millionen-Metropole mit netten Nischen. Und eine nachdenkliche Erkenntnis zum Schluß.

 Der Weg von Golestan nach Teheran führt uns nochmal über die kleineren Mittelgebirge in Richtung Semnan. Wir fahren bewußt über die kleinen "gelben" Straßen,  auch in der Hoffnung ein bißchen mehr schöne Natur genießen und sehen zu können. Der Frühling ist schließlich im vollen Gange. LeiderFehlanzeige: das Wetter schlägt um und wir kurven teils begleitet von Schneeregen und Nebel über die löchrigen und schlammigen Schotterstraßen der Mittelgebirge bis wir die Autobahn und Schnellstraße nach Teheran erreichen. Der ohnehin starke Verkehr auf dieser Hauptroute verdichtet sich immer mehr und teilweise bewegen wir uns dann nur noch im Schritttempo bis in die Stadtmitte vor. Ein kleiner Park unweit vom Teppichmuseum ist unser anvisiertes Ziel, das wir in der iOverlander App entdecken. Wir erreichen den Platz am späteren Abend und da es gleich um die Ecke eine richtige Pizzeria gibt ist das Abendprogramm auch sofort beschlossen.

Die nächsten Tage wollen wir Teheran erkunden und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Highlights besuchen.  Wie sich aber schnell heraustellt können Besichtigungstouren in der Haupttadt Irans ganz schön ins Geld gehen. Im Prinzip ist es ja in Ordnung, dass Touristen einen höheren Eintrittspreis für Museen und Kulturstätten bezahlen müssen als die Iraner selbst. Es ist auch deshalb o.k, weil wir durch den Wechselkurs auch sehr profitieren. Bislang jedenfalls haben wir uns darüber nicht wirklich beschweren wollen. In Teheran sprengen die Eintrittspreise dann doch unseren Rahmen. Plötzlich ist nicht nur der Eintrittspreis zu bezahlen, sondern auch jede weitere Attraktion oder Sektion innerhalb des Gesamtkomplexes muss extra bezahlt werden.  Im Falle des Golestan Palastes  macht das rund 35 Euro für zwei Personen. In etwa den gleichen Eintrittspreis müssen  wir auch für den Park, den Saadabad Complex, im Norden der Stadt bezahlen, wo die ehemaligen Wohnhäuser der Schah-Dynastie zu besichtigen sind. Aber auch hier ist fast jeder Raum, Ausstellung oder Dokumentation extra zu bezahlen. Wenn wenigstens die Erklärungen nochin englischer Sprache wären. Fehlanzeige. Oftmals stehen wir wie der "Ochs vor dem Berg" und versuchen uns via Internet einen Reim darauf zu machen was es mit dem einen oder anderen Detail so auf sich hat. Aber Wikipedia ist im Iran nicht zu erreichen und so gestalten sich unsere Recherchen manchmal doch recht mühsam.

 

Eines wollen wir uns aber trotzdem nicht entgehen lassen. Auf dem großen Terrain des ehemaligen Wohngeländes der Schah-Dynastie wurde im Jahre 2009 ein ehemaliges Gästehaus zu einem kleinen Museum zu Ehren der beiden iranischen Weltreisenden, der Brüder Omidvar, eingerichtet. In den fünfziger Jahren sind sie zu zweit mit dem Motorrad aufgebrochen um Zentralasien zu erkunden, in den frühen Sechzigern ging es wieder mit einer Kastenente um die Welt. Die Brüder Omidvar stammten aus einer wohlhabenden iranischen Familie, die schon damals einen sehr weltoffenen, europäischen Lebensstil pflegte und auch sehr nah an der damaligen Schah-Regierung angeleht war. Man erzählte uns, dass einer der Brüder noch lange mit Vortragsreisen über seine Erlebnisse durch den Iran tingelte, was aber von den Regierenden immer weniger gern gesehen wurde. Einer der noch im Teheran lebenden Omidvar-Brüder ist heute über achtzig Jahre alt und das Museum verwaltet zumindest einen Teil seiner Kuriositäten, Fotos und Filme. 

 

Um die großen Entfernungen in der Stadt zu überbrücken fahren wir mit der U-Bahn unter der ständig verstopften Stadt hindurch. In den unterschiedlichen Stadtteilen der Millionenmetropole entdecken wir die schönen und kreativen Ecken Teherans, mit kleinen Künstlerbazars in den Stadparks, modernen Restaurants oder Einkaufszentren in denen allerdings nicht sonderlich viel Geschäftstätigkeit festzustellen ist. Was ist los, fragen wir uns? 

Plötzlich sind wir mit einem weiteren Problem konfrontiert: Durch die erst kürzlich vom Regime festgelegten Zwangsumtauschkurse für Dollar und Euro hat sich das Wechselkursverhältnis rund ein Drittel verschlechtert. Wir haben sogar das Problem, dass während unseres Stadtaufenthalts ganz normale Wechselstuben nicht mehr wechseln wollten oder ihre Läden geschlossen hatten. Die Rolltore waren heruntergelassen oder die Türen veschlossen. Die Sanktionspolitik gegen den Iran - oder besser gesagt - gegen das Regime, kommt immer mehr bei der Bevölkerung auf der Straße an. Der Währungsverfall des Rial wird immer größer und die Regierung versucht krampfhaft mit "gesetzen" Wechselkursen gegenzusteuern. Was nicht gutgehen wird, wie jeder weiß.  Und die Wechselstuben machen jetzt plözlich Verlust weil sie noch zu einem anderen Kurs eingekauft hatten, deshalb schließen sie einfach.  Und so laufen wir die großen Geschäftsstraßen entlang, in der Hoffnung eine offene Wechselstube zu finden, die bereit ist unsere Euro oder Dollar gegen Rial einzutauschen. Wir wären aber nicht im Iran, sollte sich auch dieses Problem mit Unterstützung der Iraner nicht lösen lassen. Als ein älterer Herr unsere Versuche Geld zu tauschen mitbekommt, beginnt sofort die große Action. Er erkundigt sich für uns bei Banken, telefoniert mit Freunden oder Bekannten  - und schwupps - hatten wir eine solvente Wechselstube gefunden die unser Geld wechselte. Er begleitete uns sogar noch ein Stück des Weges in Richtung der Wechselstube. Wir sind uns nicht sicher, aber irgendwie hatten wir den Eindruck, die Stube hat extra wegen uns aufgemacht. Welcome to Iran!

 

Am vierten Tag verlassen wir Teheran mit gemischten Gefühlen. Unsere Anfangs-Euphorie über den Iran hat einen Dämpfer bekommen. Wir haben die Unterschiede im Osten des Iran kennengelernt, wo sich eine sichtbare Armut und Resignation breit macht und wir erleben eine quirlige, aber auch chaotische Hauptstadt. In allen den Gesprächen die wir mit meist jüngeren Iranern führen konnten, klingt immer wieder heraus wie unzufrieden viele Iraner mit der derzeitigen Situation sind. Vor allem mit der wirtschaftlichen Situation! Die Einkommen sind gering und auch der besserverdienende Mittelstand spürt die Teuerungsrate immer mehr. Viele der ordentlich ausgebildeten Jugendlichen haben nur wenig Möglichkeiten in einen vernünftigen Job zu kommen und träumen davon ihr Glück in Europa, am liebsten natürlich in Deutschland zu  versuchen. Auf der anderen Seite haben wir jungen Menschen kennengelernt, die vor Tatendrang geradezu platzen. Lieber heute als morgen würden sie was verändern. Anpacken!

 

Als wir das Land im letzten Jahr das erste Mal durchquerten hatten wir den Eindruck, es weht ein leichter Hoffnungsschimmer. Rouhani wurde im Amt durch Wahlen bestätigt, auch um die Kontinuität zu bewahren. Das Atomabkommen war noch unter Dach und Fach und man hatte die Hoffnung der Iran kann sich leichter öffnen und wieder mehr in die "Welt" zurückkehren. Und dann haute dieser Trump wieder drauf. Nichts geht mehr weiter und dem Land wird durch die jahrzehntelangen Sanktionen schlichtweg weiter das "Wasser abgedreht". Handel, Import und Export kommen zum erliegen. Auf den Druck von außen reagiert die iranische Regierung mit Drohungen. Auf die Apelle der Mullahs sich der Strategie der Amerikaner nicht anzuschließen, reagiert der Westen nicht. Obwohl er (vielleicht) gerne möchte. Durch Zufall kommen wir im Saadad Park mit einem deutschen Unternehmer ins Gespräch der mit einer offiziellen Regierungsdelegation in Teheran und im Iran unterwegs ist. Seine Bemerkung klingt für uns alamierend:  "Wir würden ja gerne hier was machen"sagt er,  "aber das Problem sind die internationalen Sanktionen, die wir einfach nicht übergehen dürfen.  Uns sind quasi die Hände gebunden, denn wir arbeiten ja auch in der USA..."

 

Wenn es eintreten sollte, dass durch die Sanktionspolitik der USA und des Westens das Land letztendlich so destabilisiert wir, dass die Menschen wieder auf die Straße gehen und die ganze Situation gar böse eskaliert, dann haben wir bald das nächste große Problem auf dieser Welt. Was passiert, wenn das Land mit seinem vielen Provinzen und Bevölkerungsgruppen in sich zerfällt? Die unterschiedlichen politischen Interessen der Provinzen im Iran sind für uns nicht wirklich durchschaubar, aber man spürt es. Belutschen und Turkmenen im Osten, Kurden im Norden, Azeris an der Grenze zu Azerbaidschan, Perser im Zentraliran, arabische und teils auch afrikanische Wurzeln in den Volksgruppen am persischen Golf. Das gibt zu denken und man kann nur hoffen dass das "Zündeln" der Großmacht USA und seinen Zündelpartnern,explizit ist das auch Saudi Arabien gemeint, nicht weiter vom Rest der Weltmitgetragen und toleriert  wird. Uns ist klar:  es ist leider nur eine schwache Hoffnung.....

 

Trotzdem: in keinem der Länder die wir und ich bisher bereist haben ist uns so eine unvoreingenommene und herzliche Gastfreundschaft begegnet. Das betrifft auch die Behörden mit denen wir zu tun hatten. Sei es bei der Visaverlängerung oder sonstigen Kontakten. Alles lief immer korrekt und überaus freundlich ab. Der Iran ist für Touristen ein Erlebnis höchster Güte. Elf intensive Wochen haben wir dort insgesamt verbringen können und wir wünchen dem Land und seinen Menschen von Herzen alles Gute und hoffentlich bald eine stabilere politische Zukunft.