Die vergessenen Städte im Kaukasus.

 

Chiatura: Die Stadt der Seilbahnen vor apokalyptischer Kulisse.

 

In den Reiseführern findet sich nichts über die Stadt in einem tief eingeschnittenen Tal im südlichen Kaukasus. Wir erfahren von dieser Stadt von Niki und Andi, den zwei Radlern aus Stuttgart, die wir vor Wochen in den georgischen Bergen getroffen haben. Chiatura ist eine alte Minen- und Bergarbeiterstadt – und das schon seit über 100 Jahren. In den Anfängen mischten hier auch die großen deutschen Unternehmen wie Krupp und Thyssen kräftig mit. Nach dem ersten Weltkrieg fiel es dem russischen Reich zu. In der Stalin-Ära wurde die Stadt weiter ausgebaut und im Zuge seiner Entwicklung brachten damals so viele Materialbahnen das seltene Magnan-Erz aus den Minen rund um die Stadt und die Fördermenge war so enorm, dass Chiatura für lange Zeit größte Minengegend für den Abbau von Magnan-Erz war. Dieses Gestein benötigt man unter anderem auch für die Herstellung von Stahl. Über 40 Prozent des Weltmarktbedarfes kam früher mal aus der Kaukasusstadt. Im Zuge der Stadtentwicklung in den fünfziger Jahren wurden auch die Grundpfeiler für das wahrscheinlich größte Seilbahnnetz der Welt in dieser Stadt gelegt.  Über 22 Personenseilbahnen verbanden die Stadt untereinander, befördeten Arbeiter in die Minen oder in die Wohnviertel. Rund vierzig Materialbahnen brachten den Abraum aus den Minen und das Erz ins Tal zur Bahnstation. Aber das ist inzwischen Geschichte. Heute sind es noch nur noch vier Bahnen, die den Personenverkehr in der Stadt aufrecht erhalten.

 

Nach dem Zusammenbruch der Sowietunion und der Unabhängigkeit Georgiens 1991 machte die Minenbaufirma Pleite, die Weltmärkte brachen weg und zu allem Überfluss auch die Strom- und Wasserversorgung der Stadt. Wasser musste aus Brunnen geholt werden, und das in bis zu 10 Stockwerken hohen Häusern. Dieser Zustand hielt Jahre an. 35.000  Menschen lebten mal in dieser Stadt, hatten Arbeit, Lohn und Brot. Als die Lebensumstände immer schlimmer wurden verließen die meisten Menschen die Stadt und so verfiel sie mehr und mehr. Inzwischen sind es nur noch geschätzte 10.000 Menschen die noch immer in der Stadt wohnen.

In der Stadt selbst fährt heute noch die sogenannte „Stalin-Bahn“ zu einer hoch am Berg gelegenen, früher sicher recht komfortable Wohnsiedlung.  1953 ist die Bahn in Betrieb genommen worden und war eine der längsten und modernsten Bahnen in der  Sowjetrepublik.  Die Fahrt mit dem freundlichen Kabinenbegleiter nach oben wird dann schon ein bisschen zum Thrill. Dass dieses rostige Gondel überhaupt noch in Betrieb ist kann man kaum glauben. Claudia ist da wesentlich unaufgeregter als ich. Wie gut dass sie nicht auf die Laufkatze der Gondel geschaut hat. Aber sie erklärt ihre Entpanntheit damit, dass die Bahn schließlich jeden Tag fährt -  und runtergefallen ist sie die letzten 64 Jahre auch nicht.

 

Oben angekommen werden wir dann von der Seilbahnführerin vorsichtig und mit Bedacht in die Gipfelstation eingependelt. Denn alle Bahnen werden wie eh und je von Hand gesteuert und "eingebremst". Ein unglaubliches Schauspiel.  Und so gondeln wir dann mit den alten Seilbahnen über die Stadt. Ein besonderes Erlebnis vor einer wahrhaft apokalyptischen Kulisse.  Inzwischen baut die Firma Doppelmayr eine modernes Bahnsystem, die die alten Bahnen, die inzwischen nicht mehr fahren können, ersetzen sollen. Die Drehscheibe, der sogenannte Zentralbahnhof, steht schon in der Stadtmitte. Wir fragen uns aber, wer soll die Bahnen später mal nützen? Die Wohnsiedlungen in den oberen Bereichen sind kaum noch bewohnt und um diese wieder bewohnbar zu machen, das kostet sicherlich mehr als die Erneuerung der Hauptseilbahntrassen. Das neue Seilbahnprojekt soll rund 15 Millionen Euro  kosten – und gebaut wird schon lange - seit 2015. Aber als wir so mit der letzten der  vier Bahnen über Stadt gondeln, kann ich mir ein „schmunzeln“ nicht verkneifen. Als Wahl-Stuttgarter könnte ich mit sehr gut vorstellen,  von einer zentralen Seilbahndrehscheibe in der Stadtmitte auf den Bopser, Killesberg oder in den Westen zu gondeln. Zumindest in dieser Hinsicht ist Chiatura ein gutes Beispiel für die Kesselstädte dieser Welt. 


Die ehemaligen Kurstädte am Kaukasus sind heute selber krank. 

In der Hoch-Zeit der ehemaligen Sowjetunion entwickelte sich Georgien zum Urlaubsland schlechthin. Wöchentlich fuhren Sonderzüge mit bessergestellten Russen an die Schwarzmeerküste oder in die Kurorte am Rande des hohen und mittleren Kaukasus. Von den daraus entstandenen Städten wie Bordschomi, Tqaltubo oder Bakurani mit seinen Skipisten, sind heute leider nur noch die Reste dieser früheren so mondänen Urlaubs- und Kurorte zu erkennen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und den bald darauf folgenden Kriegen im Land, verebbte auch der Touristenstrom endgültig und die überwiegend russischen Kurgäste bleiben aus. Die früher so prachtvollen Hotels und Sanatorien sind inzwischen dem Verfall preisgegeben. Die herrlichen Fassaden und Anlagen heute nur noch leere Hüllen die sich hinter den verwilderten Parks verstecken. Während wir uns das Ganze so betrachten, versuchen wir uns eine Vorstellung darüber zu machen, wie viele Menschen dort früher Arbeit hatten. Bäckereien, Wäschereien und alles was mit dem Betrieb solcher großen Häuser zusammenhängt. Die ganze Infrastruktur an Handwerkern und Dienstleistern. Heute sind es tote Städte, speziell Tqaltubo. Mittlerweile sind die Unterkunftsmöglichkeiten durch wenige private Guest-Houses ersetzt, die sich der wenigen Individual-Touristen annehmen. Aber die Schwefel- und Mineralquellen blubbern vor sich hin und niemand kümmert sich um die schönen Brunnen und Becken. Man gibt sich zwar sichtlich Mühe wieder eine touristische Infrastruktur aufzubauen, aber ehrlich gefühlt, es ist kaum vorstellbar, dass sich da in den nächsten Jahren wieder was entwickeln kann. Die Investments in Wiederaufbau von Straßen, Bahnlinien oder in Gebäude um diese Orte wieder beleben zu können, wird sich Georgien nicht mehr leisten können. Alles was der Stadt Tqaltubo wirklich erhalten blieb: es ist die georgische Stadt mit den besten Straßen. Wie lange noch? So bitter das auch klingt...