Georgien: Outdoorparadies und postsowietisches Freilichtmuseum in den Städten.

 Auf das Land in Vorderasien, quasi die geografische Grenze von Europa zu Asien, freuen wir uns besonders. Georgien ist nicht besonders groß, in etwa gerade mal so groß wie Bayern und hat nur noch rund 3,5 Millionen Einwohner von denen rund ein Drittel im Großraum Tiflis wohnen und leben. Wir haben im Vorfeld so viel schöne Erzählungen vom dem Land gehört und deshalb sind wir uns sicher: Es erwartet uns eine sehr schöne Natur mit abwechslungsreichen Landschaften. Die Gebirgskette des Kaukasus mit seinen bis zu über 5000 Meter hohen Gipfeln und Gletschern die noch relativ weit in die Täler hinunter reichen, der dicht bewaldete kleine Kaukasus mit seiner Grenze zur Türkei und die vielen kleinen Nationalparks die sich über das Land verteilen. Draußen in der Natur, da sind wir uns ziemlich sicher, sind wir viel alleine und werden viele schöne Stellplätze finden, können wandern gehen und die Momente genießen. Das langsame Reisetempo gefällt uns. Je länger wir in Georgien bleiben, desto mehr beschäftigen wir uns auch mit dem Land, seinem heutigen Status und seinen Perspektiven. Speziell in den Städten wird deutlich, dass Georgien noch einen langen Weg vor sich hat. Nachdem Georgien seine Unabhängigkeit im Jahr 1991 erhielt, tut es sich schwer.

An der Grenze zu Armenien treffen wir wieder unsere liebe französische Familie,  „die Plems“. Vor rund fünf Monaten hatten wir uns das erste Mal in Yazd (Iran) getroffen und weil es einfach so gemütlich ist fahren wir nach dem Grenzübertritt gemeinsam auf eine Hügelkette und bleiben dort zwei Tage stehen. Claudia und ich nutzen den nächsten Tag um eine ausgedehnte Wander- und leichte Klettertour auf einen der umliegenden Gipfel zu machen. Dann geht es die paar Kilometer nach Tiflis weiter.

 

Wir freuen uns auf die Stadt und der MOG benötigt auch ein bisschen Pflege – oder anders gesagt „Nachsorge“. Denn nach wie vor plagen den MOG und somit auch uns, die außergewöhnlich hohen Getriebetemperaturen. Wir stehen immer wieder in Verbindung zu Mercedes-Benz und man versichert uns per E-Mail sich dem Problem anzunehmen, sobald wir in Tiflis ankommen. Termin bestätigt. Alles klar. Bis aber alles geregelt werden kann vergehen ein paar Tage. Wir beharren auf einem Kulanzfall, denn das „Sorgengetriebe“ ist schließlich ein werksüberholtes Teil. Wir bringen den MOG in die Daimler-Werkstatt und mieten uns zwischenzeitlich in einer kleinen Wohnung in der Altstadt von Tiflis ein. Die gibt es hier wirklich günstig – in unserem Fall für 25 Dollar am Tag. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Balkon, Küche. Und es hat eine Waschmaschine! Unsere Kurzzeitwohnung ist ein Traum von rund 80 Quadratmetern und liegt oben am Berg im alten jüdischen Viertel von Tiflis, nur über eine kleine steile Kopfsteinplasterstrasse und mehrere Treppen zu erreichen. Das Wohnhaus der Vermieter, wo sich auch unsere Wohnung befindet, ist ein altes Pfarrhaus und direkt an der alten Kirche angebaut. Vor uns der Kirchplatz mit schattigen Bäumen und einer wunderbaren Aussicht über die Stadt. Eine willkommene Abwechslung in unserem Reiseleben. Wir nutzen die Tage, sortieren uns, waschen Wäsche. Wir regeln den notwendigen Schriftverkehr und starten zu ausgiebigen Erkundungstrips in die Stadt. Für einen halben Tag mieten wir uns Fahrräder um weiter aus dem Innenstadtbereich rauszukommen. Und wie es eben so ist: wir bleiben länger in Tiflis als geplant. Der MOG steht bis Freitag in der Werkstatt außerhab der Stadt. So richtig will und kann man sich dem Getriebe auch nicht annehmen. Man hat schlichtweg keine Erfahrung mit MOG's. Täglich stehen wir in Kontakt und es wird gebastelt und probiert. Mittels einer Videokonfernenz mit unserer Heimatwerkstatt versuchen wir dem Problem auf den Grund zu gehen. Wir lassen wieder mal das Getriebeöl wechseln, was kurzfristig Abhilfe schafft. Es bleibt aber "Gebastel" und Try oder Error... (Noch ahnen wir nicht, dass die ewigen Überhitzungsprobleme mit dem Getriebe uns letztendlich wieder Richtung Heimat schicken. "Go West".  Das war so im Plan von Noplanisagoodplan nicht vorgesehen...)


Tiflis: Die Metropole am Kaukasus.

Schon nach kurzer Zeit haben wir die Stadt lieb gewonnen. Das liegt sicherlich an dem liebevollen Chaos und Durcheinander in dieser Stadt – oder sagen wir einfach an dem täglichen Leben hier. Tiflis, das kann man sagen, ist der kreative Hotspot im Kaukasusland.  Eine Stadt die lebt und pulsiert. Tolle Cafes, Restaurants und Kneipen, Künstlermärke, Grafitis in den Unterführungen und an den alten Häusern bringen Farbe in die Stadt, die sie dringend benötigt. Viele der kleinen Geschäfte und Bars sind junge Startups von Georgiern die sich dem Touristenstrom zu nutze machen, der sich in der Hochsaision durch die Stadt wälzt. Es ist ein großer Spaß und Erlebnis durch die Innenstadt zu laufen. Je länger desto besser. Hinter jeder Ecke oder jedem Straßenzug entdeckt man immer wieder Neues, selbst dann wenn man den Weg bereits zum x-Male gelaufen ist. Aber Teile der Altstadt bröckeln schon gewaltig. Häuser sind mit Stahlbalken abgestützt und hinter den schiefen Wänden wohnen noch Menschen.


Tiflis ist oftmals Improvisation in Reinkultur. Es ist auch ein Stück Freiluftmuseum der ehemaligen Sowjetunion und seiner ehemaligen Republiken. Das mehr oder weniger mondäne Regierungsviertel rund um den Freedom-Square und weiter die Rustaweli-Straße in Richtung Universitätsviertel entlang lässt einen wirklich staunen. Vorbei geht die Sightseeing -Tour dann an teilweise monumentalen Shoppingcentern der 2000 Jahre, den Villen der russischen Oligarchen in den Seitenstraßen oder an Wohnhäuser vorbei, die sich am klassizistischen Stil orientieren und teilweise während der Stalin-Ära gebaut wurden. Diese riesengroßen Wohnblocks im Kernbezirk der Stadt, mal gut erhalten, mal dem Abriss nahe, lassen uns so ein bisschen erahnen was die Stadt mal war. Hauptstadt von Russlands mondänen Aussenterritorium. Sie hat aber auch mal bessere Zeiten erlebt, je nachdem wie man es betrachtet, und das russische geld in die Metropole geflossen ist. Die alte Metro, tief unter der Stadt, rumpelt immer noch durch die Röhren wie eh und je, und die muffigen Stationen strahlen den Charme des ehemaligen Sowiet-Realsozialismus aus. Darüber wird oft gebaut was das Zeug hält. Zumindest in den Büro- und Geschäftsvierteln - und da wo es Eindruck machen soll. Der rege Bauverkehr, die vielen Kräne und Gerüste können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass selbst im Innenstadtbereich ganze Straßenzüge und die dortigen Häuser vom Verfall und Einsturz bedroht sind. So ein paar Holz oder Stahlstützen helfen da schon mal das Haus gerade zu halten. Bis auf Weiteres.... Bis auf Weiteres, das bedeutet aber auch die Rückkehr der Russen. Eigentlich mag man sich ja nicht so richtig - zumindest und speziell auf politischer Ebene. Aber die Russen bringen Investmentgeld ins Land. Viele der gerade im Aufbau befindlichen alten Häuser werden zu Eigentumswohnungen umgewandelt. Die Bauherren: Meist russische Immoilienfonds. Das versichert man uns glaubhaft. Und wenn wir die Bauschilder so näher betrachen, wird es noch deutlicher. 


Verlässt man den Innenstadtbezirk von Tiflis kommt man schnell in die Wohnviertel mit grausamen und mittlerweile ziemlich verwahrlosten Plattenbauten der 70er- und 80er-Jahre, die sich in den Stadtteilen entlang des Kuro Flusses aufbauen. Und in diesen Stadtteilen wohnen die meisten Einwohner der georgischen Metrople. Zwischen den schäbigen Plattenbauten und breiten Straßen gibt es immer wieder viele grüne, schattige Plätze und an jeder Ecke gibt es Läden. Frisches Obst und Gemüse, Metzgereien, dazwischen wieder sogenannte „Gemischtwarenläden“, wo es so ziemlich alles für den täglichen Bedarf zu kaufen gibt. Die Bürgersteige außerhalb der mondäneren Büro- und Geschäftsviertel sind eine „Marktmeile“ unter freiem Himmel. Aber die Betrachtung der Straßenzüge und der Häuser macht deutlich: Tiflis ist zumindest, was das betrifft, gescheitert. Und zwar krachend. Die großen Wohnviertel wieder halbwegs in einen moderneren Stand zu versetzen wird kaum gelingen. Der ehemals soziale Wohnungsbau verfällt, es gibt keine neuen Verantwortlichkeiten und schon gar nicht genügend Geld um das alles wenigstens halbwegs auf Vordermann zu bringen. 


Schwingt man sich mit der modernen „Doppelmayr“- Seilbahn hinauf auf die grünen Hügel der Stadt, zur Statue „Mutter Georgia“, wird alles noch deutlicher. Im Hintergrund erheben sich die neuen „Wahrzeichen“ der Stadt. Die extravagante Architektur von Einzelgebäuden mit einem Präsidentenpalast, der aussieht wie eine schlechte Kopie des Reichstagsgebäudes, oder die wie eine Ansammlung von Pilzen aussehende „Public-Hall“ wo das öffentliche Verwaltungszentrum der Millionenstadt untergebracht ist. 


Beispielhaft für den architektonischen Wahnwitz in Tiflis steht auch die früher mal als Theater- und Konzerthalle "Röhre" im Zentralpark der Stadt.  In den Park kommt man am besten über die "Peace-Bridge" die in der Nacht dramatisch beleuchtet ist. Das riesige Ungetüm einer Konzerthalle liegt wie zwei Röhrenabschnitte einer überdimensionalen Pipeline am Rand des Stadtparks. Zwei riesige Glasfassaden sollten mal Licht in das Innere bringen – oder einen tollen Blick nach außen ermöglichen. Das war die Idee.  Seit Jahren rottet der Bau aber vor sich hin. Die Skelettstruktur aus Glas und Alu wurde teilweise schon geplündert oder beschädigt. Sie ist verdreckt und die großen Glasfronten sind mit gelben Folien geflickt und verdeckt. Diese modernen Gebäude, wo die extravagantesten Architekten der Welt ihre Gebäude-Skulpturen im Auftrag der Regierungschefs platzierten sind inzwischen ein Markenzeichen dieser Stadt geworden. Es kann uns auch niemand sagen wie viele Milliarden dort verbaut wurden. Die Baudenkmäler geplant und iniziert von den Staatschefs Georgien sind leider komplett vorbei an der infrastrukturellen Entwicklung dieser Stadt gedacht. Die Straßen, Bürgersteige und das Nahverkehrssytem sind  in einem katastrophalen Zustand. Die Konzerthalle ist übrigens auch nie fertig gestellt worden. Der neue Präsident findet sie häßlich, wie alle Bauten die sein Vorgänger ins Leben gerufen hat. Und nun gammelt alles vor sich hin. Bis auf Weiteres...


Am Abend wandelt die Stadt dann ihr Gesicht. Das mag durchaus auch an der schummrigen Straßenbeleuchtung liegen. Aus allen Ecken kommen die jungen Leute, die Straßencafés sind gut belegt. Alt und Jung sitzen in den Parks und an den Sommerwochenenden werden Bühnen aufgebaut und je nach Stadtviertel tönt es nach Jazz, Rock oder Klassik. Es herrscht reges Treiben in der Stadt. Bis weit nach Mitternacht pulsiert die Stadt in den Sommermonaten. Und das sind auch die Eindrücke, die viele der Kurzzeittouristen in der Stadt wahrnehmen. Vornehmlich. So erklärt sich auch das vorwiegend durch die sozialen Medien geprägte Image der Stadt. Die Partystadt am Kaukasus. Das ist der andere Teil von Tiflis. Und er ist  wunderschön! Verzaubernd.


Wir hatten wieder das unheimliche Glück recht schnell in den Kreis einer liebenswürdigen Familie aufgenommen geworden zu sein. Und genau das sind die Kontakte und Erlebnisse die unsere Reise immer wieder dominieren. Über unseren Freund Peter in München kommen wir mit den Gubianuris in Kontakt – allen voran Teo und ihrem Onkel Dato. Eine typisch georgische Großfamilie. Und immer im Hintergrund: Teo!  Sie vermittelt, übersetzt und kümmert sich. Die Gubianuris helfen uns wo sie nur können. Sie organisieren Werkstätten die uns Kleinigkeiten, die im Laufe so einer Reise am Unimog halt anfallen, wieder in Ordnung bringen. Bei „Dato“ im Hof können wir die Wassertanks- und Leitungen reinigen, wechseln mit Hilfe eines Mechanikers die Stoßdämpfer die wir in Deutschland bestellt haben und flicken ein Leck im Druckluftsystem der Bremsanlage. Und am Wochenende fahren wir zusammen aufs Land. Dann kommen noch Datos Söhne dazu und wir erleben eine so schöne Zeit mit ihnen, die noch lange nachschwingen wird. Und wir haben neue Freunde in Tiflis....

Dear "Tiblisi-Familiy": It was a great time with you all togehter!! Thank you! Madlova!  Good bye....