Baku: Die Stadt der Lichter. Und alles Retro, oder was?

 

Der Grenzübergang von Georgien nach Aserbaidschan war eine leichte Übung. Nach knapp einer Stunde waren wir durch. Unsere grüne Versicherungskarte wurde akzeptiert und wir mussten nur noch die Straßengebühr (RoadTax) bezahlen. Das Auto wurde nur oberflächlich kontrolliert und kurz hinter der Grenze suchten wir uns auf einem LKW-Parkplatz einen Übernachtungsplatz hinter dem Kassenhaus einer Tankstelle. In Balakon, der ersten größeren Stadt hinter der Grenze, besorgen wir uns problemlos eine neue SIM-Karte und Geld aus dem Automaten. Mit einem kurzen Zwischenhalt in Seki ging es dann schnurstracks nach Baku. Viele hundert Kilometer auf einer nigelnagelneuen vierspurigen Autobahn. Tempomat rein, ein Finger am Lenkrad und mit guter Musik von Markus seinem "Magic -USB-Wunderstick",  ging es mit 110 km/h in Windeseile nach Baku. Entspanntes Reisen. Am frühen Abend kamen wir in Baku an. Der Stadt der Lichter. Schrill. Bunt. Hell.  An der Uferpromenade fahren wir mit unseren groben Stollenreifen zuerst über den Formel 1 -Parcour (natürlich im feierabendlichen Stop and Go Verkehr) und dann auf einen Parkplatz mit Blick auf die Stadt und die "Flame Towers", die Wahrzeichen des heutigen Bakus, die immer wieder von feuchten Wolken umnebelt werden.

Ein kalter Wind pfeift von der Seeseite. Leider spielt das Wetter wieder nicht mit und wir verziehen uns nach einem kurzen Spaziergang an der Uferpromenade schnell in unseren Sprinter. Am nächsten Tag geht es auf Erkundungs-Tour. An einer Metro-Station schließen wir uns einer "Free-Guide-Tour" durch die wiederhergestellte und größenteils renovierte Altstadt an, um dann auf eigene Faust weitere Highlights zu erkunden. Und je tiefer wir in die Stadt eintauchen, desto mehr sind wir abwechelnd  fasziniert und verwundert. Baku bei Tageslicht ist eine der besten "Retro-Städte" die wir je gesehen haben. Man muss schon genauer hinsehen um zu erkennen, ob es sich vor dem Gebäude, vor dem man steht, um eines der alten Baudenkmäler handelt, oder einen erst in den letzten Jahren hochgezogenen Neubau im perfekten Retro-Stil, oder einem neu mit Sandsteinplatten verkleideten Plattenbau aus der alten Sowjetzeit. Hut ab! Da haben die Stadtplaner und Architekten ganze Arbeit geleistet. Und je länger man durch die Stadt wandert sieht man deutlich, wie sehr die Stadt architektonisch in verschiedene Teile auseinanderfällt - und mit welcher Geschwindigkeit sie den Sowjetmuff abschüttelt und sich neu erfindet: die Altstadt mit seinen engen Gassen, den Karawansereien, Moscheen und persischen Palästen, dort die mandelfarbenen Prachtboulevards aus der Zeit des ersten Ölrauschs, drum herum die neu verkleideten Bauten der Sowjetzeit mit den alten Parkanlagen. Und aus fast jeder Perspektive sind es die "Flame-Towers", die den Innenstadtbereich überragen. Leider verstellen uns die Schutzzäune der im Aufbau befindlichen Formel 1 Rennstrecke viele Fotomotive. Ende April dröhnen in Baku wieder die Motoren.

Es herrscht ein entspanntes Flanieren im Innenstadtbereich - und man spürt es deutlich: hier regiert das Ölgeld. Aserbaidschan war lange Zeit das Land mit den größten Erdöl- und Gasvorkommmen der Welt, auch heute zählt es noch zu den Top-Five. Aber anderes als die Städte am Golf oder in den Emiraten, konnte es sich erst nach dem Niedergang der Sowjetunion "neu erfinden". Unmittelbar nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans war die Sicherstellung der Eigenständigkeit oberste Priorität in der Außenpolitik des Landes. Es verfolgte zunächst eine stark pro-türkische und pro-westliche Politik, was zu Spannungen mit Russland führte. Die Präsidenten und Politiker die das Land nach 1991 in die Moderne führten, waren - und sind es noch heute -  überwiegend alte KP-Büromitglieder. Staatsoberhaupt ist der Präsident, der in geheimer, allgemeiner Wahl für die Periode von sieben Jahren gewählt wurde. Bis 2016 galt eine fünfjährige Amtszeit, bis 2009 eine Beschränkung auf zwei Amtszeiten. Beides wurde durch Verfassungsreferenden inzwischen abgeschafft, beziehungsweise geändert. Das Amt des Staatspräsidenten hat heute İlham Əliyev, Sohn des zuvor verstorbenen Staatspräsidenten Heydər Əliyev, inne. Und er winkt oder lächelt milde von vielen großen Plakaten, die an allen exponierten Stellen in der Stadt geschickt verteilt sind. An diese "Anblicke" werden wir uns in der nächsten Zeit gewöhnen müssen - nicht nur in Aserbaidschan. Wir haben Europa verlassen...


Nightlight in Baku

Baku ist eine der Städte, die nachts schöner sind als am Tag. Dann leuchten die Gründerzeitfassaden und alten Villen, die Prachtstrassen und City Icons, die Boulevards und Regierungsgebäude und Kioske um die Wette. Und wenn dann noch die Nebelschwaden vom See durch die Stadt wabern wird alles noch skurriler.  Baku hat sich in einem beispiellosen Kraftakt von einer heruntergekommenen sozialistischen Bettenburg-Stadt zu einer lebenswerten Großstadt gewandelt, in der man sich manchmal fühlt wie in Istanbul, Wien, Paris oder London. Baku: ein richtiger HotSpot an der Grenze zu Asien. 


Ein weißer Traum. Die Komposition von Zaha Hadid.

Etwas außerhalb der Innenstadt und mit der Metro gut zu erreichen liegt eines der wichtigsten architektonischen Gebäude der Welt. Auf einer großzügigen Plaza liegt das "Heydar Aliev Cultural Center" von Zaha Hadid. Das Zentrum wurde zwischen 2007 und 2012 nach Plänen der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid erbaut und im Jahre 2012 eröffnet. Im Jahr 2014 erhielt das Gebäude die Auszeichnung Design of the Year des Londoner Design Museums. Zaha Hadid war übrigens die erste Frau, die diesen Preis erhielt. Man kann sich stundenlang auf diesem riesigen Platz rumtreiben und das Gebäude aus allen Blickwinkeln betrachten.  Man wird sich da nie richtig satt sehen. Diese Mehrzweckhalle ist Konzerthalle, Museum, Konferenzzentrum in einem. Gerade als wir das Center besuchten war auf dem Vorplatz eine Fotoausstellung aufgebaut. Wir staunten nicht schlecht über Themen der preigekrönten Motive eines Fotografen aus Baku. Die grünen Parkanlagen werden von den Locals kräftig genutzt, die die Wiesen auch zum Picknick nutzen. Es herrscht ein reges Treiben um die Halle und gerne dient dieser Prachtbau auch als Fotolocation für die eine oder andere Erinnerung. Und selbstverständlich darf Spiderman hier nicht nicht fehlen...


Mit "Professor Gul" über das Kaspische Meer nach Kasachstan

Um gleich zu Anfang  mal zwei sagenumwobene Gerüchte richtigzustellen:

 

1.) Das Schiff "Professor Gul", das seit 1986 bei Bedarf immer vom Hafen Alat nach Aqtau in Kasachstan dampft, ist bei weitem nicht so schlimm, wie immer wieder geschildert. 


2.) Das Kaspische Meer ist kein Meer, sondern der größte zusammenhängende Binnensee der Welt. Rein seerechtlich betrachtet, ist er/es sogar keines von beiden. Denn nach dem internationalen Seerechtsabkommen gibt es die große Pfütze eigentlich gar nicht.

 

Der Kaspische See ist weder als See noch als Meer anerkannt. Trotzdem ist er ist 1200 Kilometer lang und 435 Kilometer breit. Er grenzt an Russland, Kasachstan, Aserbaidschan, Iran und Turkmenistan. Uns ist das reichlich egal, denn der "Herr Professor" soll uns in rund 24 Stunden nach Kasachstan bringen. Und so rufen wir im Fährbüro an und fragen wann der nächste Dampfer ausläuft. Er fährt immer nur dann, wenn er voll ist und nicht zu viel Wind auf dem Seemeer bläst. Wir hatten Glück. "Wir sollen morgen wieder anrufen, wahrscheinlich geht übermorgen ein Schiff", sagt uns der Mann im gutem Englisch. Was ein Glück: Seit knapp 3 Wochen ist der Dampfer (angeblich) nicht gefahren. Übermorgen geht's los. Am Hafenkai stehen LKW's aus der Türkei, Kasachstan und Russland in Reih und Glied. Wir parken mittenrein. Umso verwunderter bin ich, als ich die LKW-Reihe abschreite und einen LKW mit deutschem Nummernschild entdecke. Ein kurzes Gespräch mit dem afghanischen Fahrer schafft Klarheit: Er fährt nach Massar al Sharif - im Auftrag der Bundeswehr. Die "Professor Gul" schwimmt, der Truck rollt, nur die Airbus-Transporter der Bundeswehr müssen am Boden bleiben. Wahrscheinlich kaputt. Im Hafen von Alat treffen wir auch Louis aus Frankreich. Er ist einer der verrücktesten Traveller den wir je getroffen haben. Er tingelt seit Jahren durch die Welt, ist chronisch blank, schafft es aber trotzdem immer wieder weiter zu kommen. Und wenn gar nichts mehr geht, kauft er sich ein Fahrrad und tritt in die Pedale. Aus irgendwelchen Gründen ist er aber nicht mit auf das Schiff gekommen, wir wissen nicht warum. Die Überfahrt ist mehr als entspannt. Schlafen. Lesen. Essen. Schlafen. Essen. Lesen. Wir haben eine geräumige 2-Bett-Kabine zugewiesen bekommen - mit großer Dusche und WC. 1.Klasse! - oder so. Auf dem Schiff sind so ungefähr 150 - 160 LKW und ihre Fahrer. Claudia ist die einzige Frau als Passagier. Die anderen gezählten drei Frauen sind für die Küche und die Kabinen zuständig. Es herrscht "Russenflair", das merkt man auch an der Speisekarte: Hähnchen mit Kartoffelbrei. Hähnchen mit Reis. Hähnchen mit Nudeln. Abwechslung brachte die Getränkekarte. Cola zum Ersten. Fanta zum Zweiten. Wasser zu Dritten. Aber alles o.k. Wir haben  uns noch ein bißchen Bordproviant eingepackt und  entkorken am Abend den letzten leckeren Wein aus Georgien. Das Schiff bleibt im Zeitplan und wir sind auf dem Seemeer wieder eine Stunde gealtert. In Kasachstan gehen die Uhren anders. Die Abfertigung in Kasachstan ist sehr professionell. Die Pässe und Einreisestempel bekommen wir am Schiff und unser Touristenauto wird als erstes ausgeladen und knapp zwei Stunden später verlassen wir mit allen Stempeln und Dokumenten das Hafengelände von Kuryk, cirka 50 Kilometer von Aqtau entfernt. SIM-Karte und Versicherung könne wir gleich am Hafen erledigen. So bleiben wir die Nacht am Hafen stehen und am nächsten Tag geht es nach Aqtau...


Wir sind in Kasachtan. Diesmal aber nur kurz, denn es ist in der ersten Runde nur Transitland. Trotzdem nehmen wir einen Abstecher und queren für drei Tage die Wüste und Steppe um nach Shepte zu fahren. Dabei fahren wir auch durch das "Valley of Stones". Eine bizzare Landschaft. Links und rechts der schmalen Piste liegen riesige Kugelsteine. Die Herkunft dieser bis über einem Meter Durchmesser großen Kugeln ist nicht ganz klar. Wir schaffen uns eine eigene Erklärung: Vor Millionen von Jahren, war diese Region das zentrale Leistungszentrum für kasachische Kugelstosser... Wir sind überrascht, welche Vielfalt dieser kleine Landabschitt bietet. Plötzlich öffnen sich riesengroße Canyons und oben am Riff fahren wir entlang und geniessen die Ausblicke. Plötzlich kreuzt ein Reiter unseren Weg. Keine Ahnung wo der herkommt und was sein Ziel ist. Ein kurzer Schwatz mit viel Gestikulieren - und er verschwand in der Weite der Kasachischen Steppe.


Was gibt es sonst noch zu erzählen?
Hinter Shepte fahren wir auf die "Autobahn". Ein neue Straße schneidet sich durch die steppenartige Landschaft und das einzige was für Spannung sorgt ist unsere Tankanzeige. Durch unsere Abstecher wird es knapp und es sind rund 400 Kilometer bis Beljeu. Na ja, eine Tankstelle wird schon kommen. Fehlanzeige. 60 Kilometer vor dem rettende Beljeu bleiben wir liegen. Spotz. Ende. Die Kanister noch nicht befüllt. Also Schild malen und raus auf die Straße. Der zweite Truck checkt unsere Lage und hält an. 20 Liter Diesel aus dem Trucktank abgezapft und weiter geht's. Erst nachher erfahren wir: auf unserem Schild steht Rohöl, oder Erdöl - jedenfalls nicht Diesel. Auf die KnowHow Reisekauderwelsch-Lexika ist auch kein Verlaß mehr.

 

Über Kasachstan werden wir zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher berichten. Denn ab Juni/Juli werden wir dieses Land wieder queren, dann aber für länger. Derzeit sind wir  in Usbekistan und warten auf besseres Wetter. Das hat uns während der ganzen Reise nicht wirklich nett begleitet. Seit Tagen regnet es und es ist "Himmelarschkalt". 


Viele Grüße aus Bukhara an der alten Seidenstraße. Seit drei Tagen stehen wir vor dem Guesthouse Rumi am Rande der alten Stadt. Wir genießen das gute Frühstück in der gemütlichen Küche, Duschen ohne Grenzen und WLAN vor dem Tor. Und das in supernetter Nachbarschaft! Oli und Daggi aus München sind auch auf dem Weg in die Mongolei.

 

Allen daheim im warmen Deutschland, wünschen wir das Allerbeste!  Die "Noplans"