Armenien: Grüne Landschaften und wir bekommen Besuch aus Deutschland.

Das steht für Klöster, Kirchen und Kapellen. Meistens liegen sie in den schönsten Ecken des Landes, oben in den Felsen und meist mit grandioser Aussicht und Lage auf die umliegende Natur und Gegend. Jeder dieser Plätze hat seine eigene, ganz spezielle Geschichte und man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Sie sind sehenswert und teils wunderschön. Ohne Zweifel. Für uns ist der rund vierwöchige Aufenthalt in Armenien aber auch eine ganz besondere Etappe. Marco, Claudias Sohn, kommt zu Besuch um knapp zwei Wochen mit uns zu reisen. Wir treffen "Manu" wieder, eine Radlerin aus Leipzig, die wir das erste Mal im Dezember 2017 im Iran kennengelernt haben und in Eriwan arbeitet "Bernie", ein guter Bekannter den ich noch aus meinen Land Rover Zeiten kenne. Irgendwie ist das alles recht vertraut, was uns da auch so erwartet. Freunde eben. Schon deshalb ist Armenien für uns mehr als nur Kapellen, Kirchen und Klöster.



Über den Grenzübergang nahe der armenischen Stadt Meghri in Armenien reisen wir ein. Die Zollformalitäten, die notwendigen Papiere für die Ausreise aus dem  Iran und für die Einreise in Armenien sind in rund zwei Stunden erledigt. Direkt an der Grenze können wir auch gleich eine Versicherung für den MOG abschließen und haben dann freie Fahrt. Am 13. Mai wollen wir spätestens in Eriwan sein. Also haben wir noch ein paar Tage Zeit. Am 15.Mai  soll planmäßig der Flieger mit Claudias Sohn Marco an Bord landen.Claudia freut sich wie Bolle - und ich freue mich mit.  Kurz nach der Grenze fahren wir nicht die eigentliche Hauptstrasse (M-2) nach Kapan, der Hauptstadt der südlichen Provinz Sjunik, sondern wählen die Route durch den Nationalpark. Die Straße (M-17) ist in einem sehr guten Zustand und wir wissen dass auf dieser Straße auch eine Freundin von uns mit dem Fahrrad unterwegs ist. "Manu" aus Leipzig. Sie ist bereits vor über einem Jahr von Zentralasien (Kirgisien und Tadschikistan) gestartet und über den Iran bis in den Oman geradelt. Wir haben uns während unserer Reise schon ein paarmal getroffen. Das erste Mal im Dezember 2017 im Iran, später dann wieder im Oman und auch während unserer Rückreise durch den Iran hatten wir immer wieder Kontakt via WhatsApp. Wir folgen der kurvigen Bergstraße und halten immer wieder Ausschau nach einem Zelt in Nähe der Straße. Aber unser Unimog macht soviel Lärm, dass uns Manu schon von weitem hört und plötzlich winkend aus einem Feldweg auftaucht. Und so verbringen wir den ersten Abend in Armenien gemeinsam mit "Manu". Es gibt ja viel zu erzählen und die Szenerie passt zu uns. Am Ende des Weges rostet ein alter Sovjet-Bus vor sich hin und irgendwie erinnert uns die ganze Szenerie an den Film "Into the Wild".  Wir nehmen auch am darauf folgenden beide die gleiche Route über einen abgelegenen Gebirgspaß zum Kloster Tatev. Dann trennen sich unsere Wege wieder. Aber Armenien ist klein und so kreuzen sich unsere Wege immer wieder, wie auch später wieder in Georgien. Und so wird "Manu" für ein paar Wochen eine radelnde Reisebegleitung. Vor dieser Leistung, alleine als Frau durch die Welt, da ziehen wir den Hut und verneigen uns. Das ist schon eine megastarke Leistung! Erst Wochen später, in Georgien trennen sich unsere Reisewege. Manu macht sich mit dem Schiff auf den Weg nach Odessa und wir tingeln noch weiter durch die Bergwelt Georgiens.


Unsere Einreise nach Armenien und unsere Ankunft in Eriwan fällt auch gerade in den Zeitraum eines politischen Umbruchs in dem kleinen Land am südlichen Kaukasus. Über Wochen gingen die Armenier auf die Straße und haben es wirklich geschafft - friedlich und ohne Gewalt oder Eskalation die bis dato herrschende Regierung zum Rücktritt zu bewegen und Neuwahlen einzuleiten. Man war einfach unzufrieden mit der Art und Weise wie die politische Führung durch Vetternwirtschaft und Korruption ihre Macht und Befugnisse immer mehr absichern wollte. Die armenische Schutzmacht Russland hat sich in diesem Fall sehr zurückgehalten und den Armeniern ihren Weg zuerst mal gehen lassen. Nun steht Armenien vor einer neuen politischen Chance. Ob es sich aber ohne große finanzielle Hilfeleistung von Drittstaaten wieder erholen kann, muss stark bezweifelt werden. Das ist noch ein langer Weg und wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Auch aus diesem Grund sind unsere Erwartung an Armenien und seine Hauptstadt anfänglich gemischt. Wir wissen nicht wirklich Bescheid was uns erwartet. Unser Reiseführer nimmt kaum Bezug auf Land und Leute und ist eigentlich mehr eine detaillierte Aufzählung von 1001 Kirchen, Klöster und Kapellen. Was wir aber wissen und gelesen haben, dass Armenien das ärmste Land Europas ist und sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetrepubliken nicht mehr erholen konnte. Das stimmt uns nicht gerade frohsinnig. Die Sache mit der Armut, wie wir sie so gerne statistisch definieren, ist wirklich ja schwierig zu erfassen und vor allem zu erklären. Sicherlich stimmt es zumindest in dem Punkt, dass in Armenien die niedrigsten Löhne gezahlt werden - wenn überhaupt. Was aber sichtbar wirklich ärmlich wirkt, ist der Zustand der gesamten Infrastruktur in der "Nach-Sowjet-Ära". Gigantische Fabrikanlagen, die früher den Menschen ausreichend Arbeit und auch Lohn gegeben haben, verrotten und rosten  vor sich hin. Die Straßen sind überwiegend in einem erbärmlich schlechten Zustand und so kaputt, dass sie kaum wieder instand gesetzt werden können.

Die Wohnblocks oder Häuser in den größeren Städten außer Eriwan sind mit den Jahren ebenso verkommen und runter gewirtschaftet, wie die meist in Sichtweite liegenden ehemaligen Fabriken. Und trotzdem: in diesem Teilweise manchmal fast apokalyptischen Umfeld der kaputten Städte – sieht man von Eriwan mal ab - erwächst immer "irgendetwas". Kleine Shops und Lebensmittelgeschäfte, an jeder Ecke eine Autowerkstatt und viele sogenannte "Gemischtwarenläden", wo es überwiegend Baumaterial und Werkzeuge gibt, teilweise sogar auf "Leihbasis". Und alles was Räder hat rollt. Daimler und Audi im guten Zustand, aber in der Mehrzahl alte "Kisten" wo man sich wundert, dass diese noch lenkbar sind und bremsen können. Und weil wir gerade dabei sind ein bisschen Hintergrund über Armenien zu vermitteln, sollte zumindest auch ein Blick auf die politische Situation nicht fehlen. Wir alle wissen, dass Armenien das älteste christliche Land der Welt ist, mit Grenzen zur Türkei, Aserbaidschan, Iran und nach Westen hin zu christlichen Georgien - und dass es mit dem Verhältnis zu seinen muslimischen Nachbarländern nicht zum Besten steht. Mit Aserbaidschan befindet man sich de facto in einem Waffenstillstand, speziell was die Provinz Bergkarabach angeht. Das Verhältnis zur Türkei ist, speziell seit der Ära Erdogan, noch schlechter als jemals zuvor. Die Grenzen zu diesen beiden Ländern sind seit Jahren geschlossen. Einzig zum Iran gibt es scheinbar bessere Beziehungen - und sogar einen kleinere Handelsbeziehungen. Wir sehen viele iranische Lastwagen die beladen in das Land einfahren und leer wieder über die Grenze zurück in den Iran fahren. Es ist schon eine merkwürdige Situation. Gerade der Iran, als politisch gesehen, streng schiitische islamische Republik hat so ziemlich das unverkrampfteste Verhältnis zu seinem christlichen Nachbarn. Noch mehr wundern wir uns als wir am Pushkin Pass an einem größeren Windkraftwerk vorbei fahren, das vom Iran in Armenien aufgebaut und auch finanziert wurde. Große Schilder machen deutlich, hier handelt es  sich um ein sogenanntes Freundschaftsprojekt zwischen dem Iran und Armenien. So kann es auch gehen, denken wir uns. Unsere "gemischten" Gefühle resultieren aber auch aus dem Grund, wie die Menschen auf uns reagieren werden - speziell in den ländlichen, ärmeren Gegenden. Wie sicher ist das Land für uns als Reisende? Gibt es Kriminalität? Neid oder Ablehnung? Gelegenheitsdiebstähle? Überfallgefahr, wenn wir irgendwo in der Pampa stehen? Eine klare und kurze Antwort. Nein.  Die Menschen sind überaus freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Egal wo wir waren. Auf dem Land, in der wilden Natur – sofern wir dort überhaupt jemanden getroffen haben - oder in der Stadt. Wir hatten nie das Gefühl von Unsicherheit oder es war uns „nicht wohl“ bei der Auswahl eines Schlafplatzes.


Eriwan: Hauptstadt im Aufbruch.

Man schätzt die Einwohnerzahl inzwischen auf knapp 1,2 – 1,3 Millionen, inklusive der Peripherie. Im Umfeld von Eriwan  leben inzwischen rund die Hälfte der Bevölkerung Armeniens. Am ersten Abend ziehen wir mit „Bernie“ in die Stadt und landen nach dem Abendessen (mit Schweinefleisch und Bier!) in einem richtigen Rockschuppen! Eine russische Coverband rockt so laut und kräftig, dass uns die Ohren dröhnen. Nach sechs Monaten in muslimischen Ländern und speziell nach dem Iran, wieder laute Musik und Bier. Was für ein Fest! Eine Stadt in der die Zeiten der Sowjetunion noch deutlich sichtbar sind. Große vierspurige Straßen, elektrisierte Oberleitungsbusse, viele grüne Stadtparks im Kernbereich der Stadt  und teilweise inzwischen richtig schön renovierte Straßenzüge im Innenstadtbereich. Es tut sich was in dieser Stadt. Eriwan hat aber nicht nur einen internationalen Flughafen, sondern auch die bekannte "Radiostation". Und deshalb fragten wir mal bei Radio Eriwan an: Kommen die Flugzeuge auch immer pünktlich an? Die Antwort von Radio Eriwan: Im Prinzip ja, außer, Sie erwarten einen Flug von LOT. Wie auch immer: Marco fliegt mit LOT und kommt nach einer wahren Odyssee Düsseldorf – Warschau – Moskau  mit 15 Stunden Verspätung in Eriwan an. Wir übernachten direkt bei der großen Statue, der Mutter Armenia, die oben auf einem Berg über die Stadt und das Land wacht. Direkt nebem dem MOG baut Marco später sein Zelt auf und so  haben wir es auch nicht weit in die Stadt. Der Weg in die Stadt führt uns zu Fuß über die sogenannten "Kaskaden" hinunter in die bessere Altstadt. Die Kaskaden sind ein seltsames Bauwerk, das mal angefangen aber nie fertig gestellt wurde, nachdem ein reicher Mäzen, der das pompöse Bauwerk finanzierte, aus dem Leben geschieden ist.  Seit Jahren rosten die Stahlträger vor sich hin und der letzte Kran wurde erst vor kurzer Zeit demontiert. Stillstand. Irgendwie wirkt das ganze Konstrukt wie das Land und seine Perspektiven. Ob das je noch mal was wird, fragen wir uns? 


„Camping 3G“, eine Wohlfühloase der Ruhe und Gelassenheit.......

 

 Unweit von Eriwan, knapp eine Fahrstunde entfernt und zwischen den Sehenswürdigkeiten von Garni und Kloster Geghard gelegen ist einer der schönsten Campingplätze in östlicher Richtung, Camping 3 G (www.campingarmenia.com).  Die Betreiber Sandra und Marty  haben hier ein Refugium geschaffen, indem man sich einfach wohlfühlen muss. Für uns ist es der erste offizielle Campingplatz seit dem Beginn unserer Reise im letzten Jahr. Wir relaxen zusammen mit Marco, der sein Zelt unter den Bäumen aufschlägt und unternehmen schöne Tageswanderungen nach Garni und Geghard. Unterwegs findet sich auch ein typisch kleines Restaurant am Ufer eines kleinen Baches. Wir nutzen die Chance und die Wirtin bruzzelt in der Pfanne leckere, fangfrische, Forellen.


...und off the road mit "Bernie and friends" auf den Vulkan und zum Sewan See

Am Pfingstsamstag holen uns „Bernie and Friends“ ab. Zusammen starten wir unter landeskundiger der Führung in das Hinterland von Eriwan. Auf der Route liegt auch ein Vulkan den wir sozusagen "erfahren" und campieren an schönen Plätzen in der wilden Natur. Eine tolle Dreitagestour mit Landy-Begleitung und einer tollen Gemeinschaft. Wir fahren weiter durch eine grandiose Landschaft ,die uns immer wieder den Blick auf die Gebirgsketten des Kaukasus bietet und verbringen die letzte Nacht am Sevan See. Leider müssen wir uns dort schon wieder trennen, Die "Truppe" muss wieder zurück nach Eriwan, die Arbeit ruft. Wir bleiben noch zwei Tage am  Sevan See, fahren einmal rundherum, campen auf der anderen Seeseite und beschließen dann in die die armenische Teilrepublik Bergkarabach zu fahren. 


Ein Ausflug in die Republik Bergkrabach

Die Republik Bergkarabach ist ein Land, dass es eigentlich nicht gibt – zumindest nicht offiziell. Die Natur und die Bergwelt dieser Region sind auf jeden Fall den Abstecher wert und die Einreise ist erstaunlich einfach. Kurz hinter dem 2700 Meter hohen Sodits Pass wird man bei der Polizeikontrolle registriert und in Stepanakert bekommt man auch einen Tag später in 20 Minuten sein Einreisevisum. Sich der komplizierten politischen Situation bewusst haben sich die Behörden dazu auch ganz besonders pfiffiges einfallen lassen und es gibt es hier ein ganz besonderes Visum. Einen Zettel zum selbst einkleben. So kann jeder für sich selbst entscheiden, ob er nun offiziell in Bergkarbach war, oder nicht. Denn diese umstrittene und vom Krieg gebeutelte Region ist von keinem Staat oder Regierung der Welt anerkannt, außer von Armenien die sich als die Schutzmacht von Bergkarabach versteht. Es ist wirklich schwer zu verstehen was hier im Kaukasus und seinen Ausläufern vorgeht. Seit langem ist die Region ein Streitpunkt, selbst zu Zeiten der Sowjetunion kam es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der aserbaidschanischen und armenischen Bevölkerung, die auch nicht durch das Eingreifen der der damaligen Sowjetarmee geschlichtet werden konnte. Der letzte Krieg mit Aserbaidschan endete 1994, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 und hinterlässt noch heute deutlich sichtbare Spuren der Verwüstung und Zerstörung. Die Menschen hoffen jetzt auf längeren Frieden, doch der ist in dieser Region wirklich mehr Hoffnung als Realitat. Zu tief sind die Wunden und Erinnerungen, die die Kriege hinterlassen haben. Und so ist es derzeit  nur eine "befriedete Zone", in der die alten Rivalitäten und Machtansprüche jederzeit wieder aufflammen können.

 

Sieht man einmal von der politischen Situation in Bergkarabach einmal ab, gefällt uns diese Region wirklich sehr gut. Die Landschaft ist stellenweise grandios schön und wir finden tolle Übernachtungsplätze. Die vorbeifahrenden Autos grüßen und hupen und auch hier sind die Menschen sehr freundlich und Touristen gegenüber sehr aufgeschlossen. Wir fühlen uns willkommen und in was für einem Spannungsfeld wir unterwegs sind, ist eigentlich nicht zu spüren. Auf der Visastelle in Stepanankert treffen wir auch Yoav Loeff aus Israel. Er hat an der Universität in Tel Aviv einen Lehrstuhl für armenische Geschichte und ist auf einer Studienreise. Zusammen mit Yoaf übernachten wir in einem Gästehaus in der halb zerstörten Stadt Soushi und unser Gastgeber ist kurioserweise der Direktor des Museums in der noch halb zerstörten Stadt. Einen Tag sind wir dann mit Yoaf unterwegs, unternehmen Kurzwanderungen in die wilde und schöne Natur. Zwei Tage später reisen wir über die alte Felsenstadt bei Goris wieder in Armenien ein.

Nach vielen schönen Tagen und Reiseerlebnissen zusammen mit Marco geht auch unser Armenienaufenthalt zu Ende. Wir bringen Marco noch zum Flughafen, aber es wäre nicht LOT, würde da mal ein Flieger pünktlich rausgehen. Mit Stunden Verspätung landet Marco wieder in Deutschland. Wir sind inzwischen schon unterwegs in Richtung Georgien.