Usbekistan. Entlang der „alten“ Seidenstraße.

Unsere Geschichte von der Erwartung, der Realität und der Hoffnung für ein Land.

 

„Welcome to Usbekistan“ begrüßt uns der junge Soldat an der Grenze und strahlte dabei über das ganze Gesicht. Der Empfang ist überaus freundlich. Genauso wie bei der  Verabschiedung aus Kasachstan, ein paar hundert Meter vorher, wo uns die Zöllner und das Militär an einer kilometerlangen Autoschlange von usbekischen Autos vorbei lotste und unseren Sprinter ganz vorne hineinpresst. Alles passiert ganz unaufgeregt und mit Zustimmung der Wartenden. Wir haben ja auch nichts zu verzollen. 

Aber irgendwie passt das alles noch nicht richtig zusammen: Unsere Erwartungshaltung vom Glanz und der Historie der legendären Seidenstraße, die sagenhaften Städte, die Karawansereien, der Zauber und die Magie von Türkis gefliesten Gebäuden, und das Wetter mit dem uns Kasachstan auf die Reise nach Usbekistan schickt. 
Klar, kann es auch mal regnen, im April sowieso. Was aber alles in eine so apokalyptische Szene taucht, ist die Straße die uns zur usbekischen Grenze führt, und dann weiter rund 400 Kilometer durch die Provinz Karakalpakstan in die Provinzhauptstadt Nukus. Diese Straße ist die einzige Verbindung zwischen Usbekistan und Kasachstan und weiter nach Russland, dem wichtigsten Handelspartner der beiden Länder. Diese Straße!  Straße?  Sie kann sich jedenfalls gerne um den Titel „der schlechtesten Straße der Welt“ bewerben.

 

Der Weg nach Osten ist super langweilig, wie die Straße vorher in Kasachstan auch. Eine flache Wüste, zaghaft mit Büschen bewachsen, die im trüben Regenwetter noch trostloser aussieht. Wenigstens staubt es nicht. Dafür saugt unser Sprinter den lehmigen Schlamm nur so auf und nur durch das heftige Einfedern drücken die Reifen den Schlamm immer wieder aus den Radkästen raus. Über Stunden geht es theoretisch eigentlich geradeaus. Das ist aber nur die Wegstrecke auf der Landkarte. Denn bei Regen verwandelt sich die Pistenstraße, die manchmal bis zu einer Breite von 50 Metern anwächst, in ein schlammiges Gewirr aus diversen Fahrspuren. Laufend muss man am Lenkrad drehen, bremsen, leicht beschleunigen, wieder bremsen, um ständig irgendwelche Löcher oder riesige Pfützen zu umfahren. In einer Stunde kommen wir rund 20 bis 25 Kilometer weit. 

 

Wir amüsieren uns trotzdem, denn die entgegenkommenden Autos, speziell die LKW‘S, bieten uns eine anspruchsvolle Choreographie durch die Frontscheibe. Autoballett pur. Mal zeigen sie sich von rechts, dann von links, um plötzlich unvermittelt direkt auf einen zuzufahren, zu winken, zu hupen und dann wieder abzudrehen. Und das alles im Schritttempo. Für die ersten hundert Kilometer benötigen wir geschlagene fünf Stunden und so beschließen wir in einer modernen „Karawanserei“ den Motor abzustellen und zu übernachten. Unsere „Karawanserei“ für diese Nacht ist aber nur eine schäbige Bretterbude, mit farbig beleuchteten Girlanden behängt, am schlammigen Rand der Seidenstraße. Ob sich vor dreihundert Jahren die  Karawanenführer mit ihren mit Gold, Edelsteinen, Gewürzen und kostbaren Teppichen beladenen Kamelen mit so einer schäbigen Absteige zufrieden gegeben hätten, bezweifeln wir. Aber wir sind ja mittlerweile auf der „neuen Seidenstraße“ unterwegs, und die heutigen Trucker kann scheinbar gar nichts mehr erschüttern. 

Am zweiten Fahrtag erreichen wir dann endllich Nukus, die Provinzhauptstadt von Karakalpakstan. Die Stadt kündigt sich schon dadurch an, dass sich knapp zwanzig  Kilometer vorher die löchrige Seidenstraße in eine modern geteerte Autostraße verwandelt. Unsere Erwartung an Nukus ist aber recht verhalten. Oder anders gesagt: wir haben keine. Für uns ist die Stadt eine reine Versorgungsstation. 

 

Unser Wissen über die neuen STAN-Staaten, die sich nach der Auflösung der großen Sowjetunion ihrer Unabhängigkeit erfreuen - oder auch nicht – haben wir größtenteils aus dem Buch der norwegischen Journalistin Erika Fatland. Das Buch heißt „Sowjetistan“, eine Reise durch Turkmenistan, Kasachstan, Tadschikistan und Usbekistan. Ein brillantes Sachbuch, dass zwischen 2014 und 2015 recherchiert worden ist und Ende 2016 im Suhrkamp Verlag erschienen ist. 

 

In Ihrem Buch beschreibt Erika Fatland, Nukus, als eine staubige und düstere Stadt, die in ihrer Lethargie vor sich hin dämmert. Wir staunen aber nicht schlecht als wir mit unserem verschlammten Sprinter über vierspurige und gute Straßen, vorbei an neuen Gebäuden und herausgeputzten Fassaden, in die Stadt einrollen. Moderne Ampelanlagen regeln den Kreuzungsverkehr und immer wieder überqueren wir auf der Suche nach einem Bankautomat großzügig angelegte Plätze  oder  fahren an großen Stadtparks vorbei. Die Stadt ist blitzsauber, nicht ein Fetzelchen Abfall ist zu sehen. Auch nicht zu übersehen ist der Marktanteil von sauber gewaschenen, weißen, Chevrolets. Wir kommen uns mit unserem schwarzen und dreckigen Sprinter schon recht komisch vor. (Zu den vielen weißen Chevrolets am Ende mehr).

 

Der Stadt ist deutlich die typische geometrische und übersichtliche sowjetische Reisbrettplanung anzusehen. An einer kleinen Bankfiliale fragen wir nach einem ATM der uns Somoni, die usbekische Währung oder auch Dollar ausspuckt. Der Bankangestellte erklärt uns in einem guten Englisch den Weg zur Hauptfiliale und in einen modernen Shop der Mobilfunkgesellschaft Beeline, der aussieht wie bei uns, besorgen wir uns eine lokale Simkarte. Das Personal spricht zum Teil sehr gut Englisch  - schwupps – sind wir wieder online. Seit dem Besuch von Erika Fatland hat sich scheinbar doch einiges getan in der Stadt - und das innerhalb von nur ein paar Jahren. Moderne Zeiten in Usbekistan?


 Das Savitksy Museum in Nukus. Einzigartig in der Welt, aber leider nicht weltberühmt.

 

Zu Zeiten Erika Fatlands (2014-2015) Recherchereise war das Museum noch ein altes Haus,  in dem der Museumsführer in jedem Raum das Licht einzeln anschalten musste, sofern überhaupt Glühbirnen in der Fassung waren. Heute ist es ein modern gestyltes und lichtdurchflutetes Museumsgebäude, dass auch irgendwo in Europa stehen könnte. Es wurde 2016 eingeweiht, noch unter der alten Präsidentschaft geplant, wie viele der heute vollendeten Prachtbauten politischer Repräsentanz und Protz in Nukus. Der Stadt jedenfalls tut es gut. Im Inneren des Museums präsentiert sich heute die größte Sammlung russischer - oder sagen wir - „sowjetanischer“, avantgardistischer Kunst. Savitksy war ein Besessener. Einer der umtriebigsten Kunstsammler und Kuratoren der alten Sowjetunion. Er kaufte alles auf, speziell auch Kunstgegenstände und Bilder, die in der damaligen Sowjetunion sofort auf dem "Scheiterhaufen" verbrannt worden wären. Aber damals, 2000 Kilometer von Moskau entfernt, mitten in der Wüste, konnte er im „Stillen“ sammeln und walten. Es interessierte scheinbar niemand wirklich. Gottseidank. Heute lagern über 15.000 Bilder, Skulpturen und Gegenstände in den Museumslagern. Die Ausstellung wird laufend umgestaltet und immer wieder neu sortiert. Wir nennen das wirklich einzigartige Museum den „Sowjet-Louvré“. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass der Louvré in Paris am Tag bis zu 15.000 Besucher zählt. Im „Sowjet-Louvre“, so erzählt man uns, sind es gerade mal 5000 Besucher im Jahr. Touristen sind es nur ein paar hundert, die jährlich diese einzigartige Kunstausstellung in der Wüste besuchen. 

Nukus ist aber auch das Tor zu dem größten von Menschen verursachten Naturdesaster, dem usbekischenTeil des Aralsees. Wegen der schlammigen Pistenverhältnisse verzichten wir auf einen Besuch in dieser Region, wo heute fünfzig Kilometer vor den Resten des ehemals viertgrößten Binnensees der Welt,  große Fischerboote in einer durch Entwässerung und durch unzählige Nukleartests, vergifteten Wüste liegen. Eine der traurigsten Geschichten der Welt. Wenn nicht die Traurigste. Wir haben im Savitzky-Museum in Nukus schöne Bilder des ehemals fischreichen Sees und dem damaligen Leben und Alltag an seinen Ufern bewundern können. Dafür sind Museen da. Und dabei wollen wir es auch belassen.

Stattdessen fahren wir in die Wüste um ein alte Festung  zu suchen. Die Überreste einer riesengroßen Zitadelle, hoch oben auf einem Berg, liegen landschaftlich sehr schön. Heute ist  es aber nur noch ein brauner Lehmhaufen.  Bei genauer Inspektion werden einem aber die gigantischen Ausmaße der alten Anlage bewusst. Es ist schon irgendwie verrückt sich vorzustellen was sich hier mal abspielte. An der Festung treffen wir auch Steffi und Frank aus dem Vogtland, die mit ihrem Toyota auf dem Weg in die Mongolei sind. Allerdings im Rallyetempo: Im Juli wollen sie schon wieder im Vogtland sein. Trotzdem nehmen sich die beiden die Zeit mit uns einen lustigen Abend unter den alten Festungsmauern zu verbringen. 

Je mehr wir uns von Nukus und seiner Wüsten-Provinz entfernen, desto mehr freuen wir uns. Vor allem für die Menschen in diesem Land. Wir fahren auf teils immer noch schlechten und miserablen Straßen in den grünen und fruchtbaren Teil Usbekistans. Links und rechts der Hauptstraße herrscht geschäftiges Treiben. Der Fluss Amodaryo, die direkte Grenze zum Nachbarland Turkmenistan, macht es möglich die Agrarflächen zu bewässern. Moderne Traktoren erleichtern den Menschen die Arbeit und viele neue Gewächshäuser entstehen im Umfeld der Dörfer und der kleinen Städte. Hier tut sich was, sagen wir uns, als wir der alten Oasenfestung Khiwa immer näher kommen.


Khiwa. Früher eine mystische Oase in der Wüste. Heute  ist es ein kostbares Freilicht-Museum.

 

Die alte Oasenfestung war mit der Zeit verfallen und nur noch der Rest alter Kulturen. Doch seit den neunziger Jahren wurde die alte Oasenfestung nach alten Plänen und Auszeichnungen wieder neu aufgebaut. Man kann auch sagen: Instandgesetzt. Die gewaltigen Festungsmauern, die die Oase früher immer wieder vor feindlichen Angriffen schützten, sind sauber verputzt, wieder hochgezogen und flössen einem Ehrfurcht ein.  


Wir parken direkt an der alten Festungsmauer neben dem großen Festungstor auf dem Parkplatz eines Guesthouse. Noch am Abend erkunden wir bei Einbruch der Dunkelheit die „alte“ Stadt. Natürlich kann man nach so langer Zeit keine wirklich ALTE Stadt erwarten. Aber die wieder hergestellten Medressen und Gebäude, die grandiosen Innenhöfe und Kamelgaragen (Karawansereien) lassen die gute alte Zeit wieder lebendig werden. Wunderbar anzusehen sind die wieder instandgesetzten Mosaike der Gebäude und die wirklch einzigartigen Holzschnitzereien der tragenden Holzsäulen, die die Dachkonstruktionen der Freigänge und Karawansereien abstützen. Da sehen wir gerne darüber hinweg, dass sich in dem einen oder anderen Gebäude heute ein moderner „Fast Food Shop“ oder ein klimatisiertes Kaffee verbirgt. Sonst sind die Gassen mit Souvenirständen garniert dessen Angebot sich sehr gleicht. „Made in China“ ist auch hier unübersehbar. Trotzdem wird einiges unternommen um die alten Traditionen des  Handwerks wieder aufleben zu lassen. In vielen kleinen Nischen wird das alte Handwerk wieder belebt. Es wird geschnitzt, gewebt und gestickt. Gefördert von der Stadt und dem Staat wird versucht wertvolle Handwerkskultur wieder zu beleben.

 

Wir haben aber auch ein besonderes Glück. An unserem zweiten Aufenthaltstag vor den Festungsmauern von Khiwa ist Sonntag. Und an diesem freien Tag fahren viele  Busse auf die Parkplätze vor der alten Stadt und laden tausende von Fahrgästen aus. Nein, keine aus Europa und dem Rest der Welt. Es sind usbekische Reisegruppen. Jugendliche, Ältere, Alte und Familien die mit den alten und klapprigen Reisebussen von „Weiß Gott woher“ in die Stadt strömen. Kurz schließen wir die Augen und denken uns die vielen Reisebusse, die vollen Parkplätze vor den Toren der Stadt und die vielen Souvenirstände einfach weg. Bunte Gewänder, traditionelle Trachten und ein dichtes, geschäftiges Gewusel herrschen in den Gassen von Khiwa. Hin und wieder strömt uns auch der Geruch von lecker gegrilltem Kebab-Fleisch um die Nase. So ähnlich könnte es mal gewesen sein, zumindest dann, wenn die alte Oasenfestung nicht wieder über Jahre belagert oder niedergebrannt wurde,  bis der neue Kurzzeitherrscher mit seinen Gefolge in die Stadt einritt. Heute besteht zumindest die große Hoffnung, dass dieses wunderschöne Museumsdorf in den überwiegend friedlichen Zeiten etwas länger Bestand hat und damit dem Mythos der Seidenstraße aufrecht erhält. 


Buchara. Die Suche nach einem Mitbringsel und Deckung vor dem Regen.

Irgendwie haben wir Pech mit dem Wetter. Außer ein paar kurzen sonnigen Perioden begleitet uns seit Kasachstan schlechtes Wetter. Der Himmel ist meist grau und immer wieder öffnet der Himmel seine Schleusen. Zumindest können wir nach ein paar Unterhaltungen mit Usbeken feststellen, dass so ein kaltes und regnerisches Wetter um diese Jahreszeit  nicht normal ist. Aber was ist heute schon normal? Freunde schicken uns aus Deutschland WhatsApp Bilder von warmen und sonnigen Tagen aus dem Oberallgäu. Im Unterhemd vor der Hütte! Wir machen zum Trost die Heizung im Sprinter an.

 

Vor einem Guesthouse in Buchara treffen wir auf Dagmar und Oliver aus München. Die beiden sind mit ihrem Ford Ranger und Excab-Kabine seit dem letzten Jahr unterwegs und haben in der Türkei überwintert. Wir sind uns auf Anhieb sympathisch und verstehen uns gut. Wir parken neben ihnen und so verbringen wir einige Tage auf dem Parkplatz vor dem Guesthouse. Wir können die Toilette und die Dusche benutzen, außerdem gibt es im Wohnzimmer der Betreiber ein köstliches Frühstück. So warten wir die heftigeren Regenstunden und Tage ab und unternehmen immer wieder kurze Spaziergänge in die Stadt. Eigentlich sind solche Regentage eine gute Gelegenheit um nach den einem oder anderen Souvenir zu suchen. Schon lange wünschen wir uns einen kleinen Teppich für unseren Sprinter-Van. Natürlich von der Seidenstraße. Also ziehen wir los. Shopping in Buchara. Die Preise bei diesem Sauwetter müssten ja günstig sein.

 

Wer aber an der Seidenstraße die Vielfalt des Kunsthandwerks aus Zentral-Asien sucht wird trotzdem enttäuscht sein. Die geschäftigen Verkäuferinnen werden zwar nicht müde uns immer wieder zu versichern, dass alles „homemade“ ist, wir fragen uns aber wann sie das alles produzieren, wenn sie den ganzen Tag in ihrem Laden stehen? Und nicht nur das: sie produzieren scheinbar für die ganze Stadt. Denn die so seltenen „homemade Unikate“ hängen in allen Läden. Überall die gleichen, bis ins Detail. Zum Spaß lassen wir uns dann doch noch auf ein kleines "Verkaufsgemetzel" ein. Der Startpreis: 500 Dollar für eine wirklich sehr schöne Decke aus Baumwolle und Seide. Nach einiger Zeit waren wir bei 300 Dollar, 280 Dollar, 250 Dollar - mit Wehklagen und traurigen Blick - um dann bei 150 Euro ,„Last Price“ zu landen. Irgendwie vergeht einem dann auch der Spaß. So eine billige Decke wollen wir auch wieder nicht.

Zum Abschluss lässt sich doch noch die Sonne blicken und wir bummeln noch mal durch die Stadt. Viele der alten Gebäude, die teilweise auch weiter voneinander entfernt liegen,  sind frisch renoviert und wieder neu aufgebaut. Der historische Teil von Buchara hat bei weitem nicht den ausgeprägt musealen Charakter wie Khiwa, und wir genießen den Trubel auf den Plätzen und Straßen. Der Zauber der Seidenstraße beginnt sich schön langsam zu entfalten.


Samarkand. Usbekistans heimliche Hauptstadt

In der kulturellen Hochzeit der Seidenstraße war Samarkand der Hauptverkehrsknotenpunkt. Eine Kreuzung wo die vielen kleinen Seidenstraßen zusammenliefen, die damaligen Karawanenwege aus Indien, China, Mongolei und Persien. In Samarkand bündelten sie sich weiter gen Westen. Heute ist Samarkand das kulturelle Zentrum von Usbekistan. Wir rollen an einem Samstag in Samarkand ein und finden nahe dem Stadtzentrum einen Parkplatz, nicht weit von der Stadtverwaltung, einem alten sowjetischen Verwaltungskomplex. Vor dem Komplex erstreckt sich eine mehr oder wenige ungepflegte Grünfläche mit ein paar hohen Bäumen als Schattenspender. Ein paar Stunden später gesellen sich wieder Oli und Daggi zu uns. Die Polizei patrouilliert immer wieder langsam fahrend vorbei und grüßt freundlich zu uns herüber. Wir fühlen uns und unsere Autos gut behütet und starten zu viert einen ersten abendlichen Ausflug in die Stadt.

 

Das Zentrum der Stadt schlechthin ist der "Registan". Eigentlich bedeutete es so viel wie „sandiger Platz“. Davon ist aber nichts zu spüren und zu sehen. Das Ensemble der drei prächtigen und großen Madrasa wurde zwischen 1417 und 1660 errichtet. In dieser Zeit entwickelte sich das „Zentrum Registan“ zu einer der besten Universitäten im Bereich von Mittelasien und der muslimischen Welt. Unser erster Besuch fand in der Abenddämmerung statt und wir hatten sogar das Glück die berühmte „Lasershow“ miterleben zu dürfen die in unregelmäßigen Abständen auf dem Registan-Platz stattfindet. Moderne Zeiten, statt Fackeln.

 

Es ist wieder Sonntag in Usbekistan!

 

Als wir nach einem gemütlichen Frühstück zusammen mit Dagmar und Oliver in die Stadt laufen herrscht bereits heftiger Trubel. Gefühlt halb Usbekistan ist auf Familienausflug. Der Innenstadtbereich ist größtenteils als Fußgängerbereich ausgelegt und über die Hauptstraßen führen Brücken in den nächsten historischen Stadtbereich. Die wenigen organisierten Reise- und Touristengruppen sind kaum wahrnehmbar und verschwinden in der Menge von zehntausenden usbekischen Besuchern. Da wir aber nicht mit einem Fahnenschwenker voraus unterwegs sind, sondern nur zu zweit mit unserem kleinen Rucksack auf dem Rücken, sind wir begehrte Opfer. Please, Seeeelfie, please! Wir kennen das ja vom Iran. So spazieren wir grüßend nach links und rechts, immer wieder für Selfies anhaltend, durch die Stadt.

 

Die Größe und die Pracht der in den letzten drei Jahrzehnten wieder renovierten Gebäude alter Kultur sind wirklich beeindruckend und da wir die Suche nach einem Souvenir von der Seidenstraße inzwischen ganz eingestellt haben, können wir uns ganz der Besichtigung der Altstadt von Samarkand widmen. Diese Stadt und seine Gebäude erschlagen uns förmlich - und die Menschen erdrücken uns fast.  Samarkand ist der Wahnsinn, und je länger wir uns dem Trubel hingeben, desto müder werden wir auch. Es ist nicht einfach das alles zu verarbeiten. Am dritten Tag erweiteren wir trotzdem nochmal unseren Radius und fahren in die für den organisierten Tourismus und Sightseeing weniger frequentierten  Stadtteile. Wir finden die verschlafenen Plätze, ältere Moscheen und Gebetsstätten. Ganz und gar authentisch.  Wunderschön.

 

Als hätten wir immer noch nicht genug, machen wir einen weiteren  Abstecher ins 70 Kilometer entfernte Shahrisabz. Die Straße führt über einen 2000 Meter hohen Pass auf dem wir übernachten. Auf der Passhöhe bieten die Bauern ihre regionalen Produkte an, vornehmlich getrocknete Früchte, Nüsse und ein bißchen Gemüse aus dem Vorgarten. Shahrisabz’s Festung ist ebenfalls wieder neu aufgebaut und die zahlreichen Hotels rund um den Stadtpark in der Festung warten noch auf den großen Touristenstrom.  Zurück geht unsere Route am Zentrum von Samarkand vorbei nach Urgut, kurz vor der Grenze nach Tadschikistan. Urgut ist UR-GUT. Tourismus ist hier noch ein Fremdwort. Noch. Ein authentischer Marktplatz zu fairen Preisen. Es staubt, es hupt und es drängeln sich die Menschen durch die engen Marktgassen. Hallo Seidenstraße! 

 

Als wir auf dem Hügel über der Stadt unseren Übernachtungsplatz beziehen kommt am Abend ein weißer Lada Niva hochgefahren. Breitreifen, höhergelegt und viel Licht auf der Stoßstange. Der Fahrer versucht mit uns ins Gespräch zu kommen, scrollt auf seinem Handy herum und zeigt uns Computer-Animationen von einer großzügigen Hotelanlage die hier auf dem Hügel errichtet werden soll. Der Blick von hier über die Stadt ist grandios und wir stehen auf einem von Radraupen planierten Platz. Wir interpretieren den abendlichen Besuch als den „Investor“, auf dessen Grund und Boden wir hier übernachten. Wir tauschen WhatsApp Nummern aus und auch an den folgenden Tagen bekommen wir immer wieder neue Planungs-Bilder einer Hotelanlage auf unser Handy geschickt. Aber da sind wir schon in Tadschikistan


Usbekistan. Oder: die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt 

In Usbekistan leben heute rund 31 Millionen Menschen und die Landfläche beträgt cirka 450.000 Quadratkilometer. (Zum Vergleich: Deutschlands Landfläche misst rund 360.000 Quadratkilometer bei rund 80 Millionen Menschen.) Usbekistan ist auch das am stärksten besiedelte Land in Zentral-Asien. Rund ein Drittel der Landfläche Usbekistans ist eine fast menschenleere und unfruchtbare Wüste, die Region Karakalpastan. Überwiegend ist die Religion dem sunnitischen Islam zuzurechnen. Aber alles wird sehr tolerant gehandhabt. Es gibt Alkohol zu kaufen und er ist in den meisten Restaurants auch zu bestellen. Andere Glaubensgemeinschaften sind ebenfalls vertreten. Wir besuchten zum Beispiel eine Synagoge in Buchara - und was uns erst im Laufe unseres Aufenthalts bewusst wurde - auch wenn viele Usbeken den Gebetszeiten speziell in den Abendstunden folgen, kein einziges Mal haben wir den Muezzin vom Minarett rufen hören.

 

Dagegen ist der „Ruf von Usbekistan“, ziemlich verrufen. Und so war auch unser angelesener Bildungstand vor dem Besuch des Landes. Schließlich ist es ein Land das uns im Westen auch nicht wirklich tangiert und von politischer Bedeutung ist. Alles was dann doch zu uns durchgedrungen ist  waren keine schönen Nachrichten.

 

Nach der Unabhängigkeit, die wie bei den anderen STAN-Staaten mit dem Verfall der Sowjetunion zusammenhingen, riss sich gleich der Erste Sekretär, Islam Karimow, aus der alten Politbüro-Garde in Moskau „sein Land“ unter seine „kantigen und schmutzigen Fingernägel“. Natürlich wurde er „demokratisch“ mit über 90 Prozent gewählt, an die Spitze eines Landes, das schon längst am Boden lag. Denn die planwirtschaftlichen Vorgaben aus Moskau hatten das Land bereits ruiniert. Längst gab es nicht mehr so viel Baumwolle, die Agrarflächen waren hoffnungslos überdüngt, der Aralsee wurde immer kleiner und die Sowjetunion als der größte Abnehmer von Baumwolle und Agrarprodukten aus Usbekistan war über Nacht auch kein Kunde mehr. Es gab sie ja nicht mehr. Und vom Rest der Welt war Usbekistan zuerst auch mal isoliert. Die Rettung für seine autoritäre Macht und auch das nötige Spielgeld zur Absicherung seiner Willkür war, dass man in den 2000er Jahren große Vorkommen von Erdgas, vor allem in der Wüstenprovinz Karakalpakstan entdeckte. Das lockte neue Investoren ins Land, vor allem Chinesische. Riesengroße Pipeline-Strecken wurden ins Land gestellt. Dazu kommen die nicht kleinen Vorkommen an Rohstoffen wie Gold, Uran, Kupfer. Alles Produkte aus der Montan-Industrie. 

 

Für die Bevölkerung Usbekistans bleibt von all dem nur wenig übrig. In den Einkommensstatistiken der Welt belegt Usbekistan regelmäßig einen Platz im letzten Viertel. Ein Armenhaus in der Welt der Statistiken und Zahlenreihen. Das Land war über Jahrzehnte überzogen von Korruption und einer dubiosen Geheimpolizei. Furchterregende Geschichten über Gefängnisse, Morde und sonstige Schweinereien machten immer wieder die Runde, während die Präsidentenfamilie in Millionenteuren Villen in der Schweiz oder in Amerika das Oligarchen Jet-Set-Leben pflegte. Erika Fatland beschreibt in ihrem Buch, Usbekistan, als ein Land dessen Korruptheit und Autorität durchaus mit der von Nord-Korea zu vergleichen ist. Aber das war vor nur drei Jahren. 

 

Wir fahren durch ein Usbekistan, drei Jahre nach dem Tod des Diktators.

 

Im Jahre 2016 hat der Diktator endlich das Zeitliche gesegnet und ist zu seinen Kollegen in die Hölle gefahren. Ein neuer Präsident hat die Aufgabe übernommen das Land weiter zu führen. Die westliche Welt war zuerst mal skeptisch, denn der neue Präsident war mit den Gepflogenheiten der alten Machtgarde ja durchaus vertraut. 

 

Mirziyoyev, heißt der Neue. Und wie wir aus unseren Eindrücken und den uns zur Verfügung stehenden Nachrichten und Veröffentlichungen entnehmen können, scheint es diesmal wirklich zuzutreffen,  dass neue Besen besser kehren. Zumindest am Anfang ihrer Polit-Karriere. Die ehemalige Präsidentenfamilie mitsamt seinen selbstherrlichen Töchtern ist aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Man spricht hinter vorgehaltener Hand von einem Hausarrest. Viele alte Weggefährten des alten Präsidiums wurden auf das Abstellgleis geschoben und der berüchtigte Geheimdienstchef ist inzwischen seines Amtes enthoben. Facebook und WhatsApp gehören mittlerweile zum Alltag in Usbekistan, speziell bei den Jugendlichen. Wikipedia und alle Nachrichtenkanäle sind frei zugänglich – und sie werden genutzt. Hoffnung keimt auf.

 

Wie schon kurz beschrieben erleben wir während unserer kurzen Visite ein Land von aufkommender Hoffnung und einer erstaunlichen Leichtigkeit unter der Bevölkerung. Es ist ein Land von großer Gastfreundschaft, Neugierde und Offenheit. Mit Beginn dieses Jahres wurde die Visa-Pflicht für viele Länder und EU-Bürger aufgehoben. Die Polizei, zumindest die sichtbare, ist eigentlich nur damit beschäftigt den Verkehr zu regeln- oder auch nicht. Wir hatten nie eine Polizei– oder Militärkontrolle. Die berüchtigten „Black-Markets“ zum Geldwechseln sind so gut wie verschwunden seitdem die Banken ganz offiziell zum „Schwarzmarktkurs“ wechseln und die Automaten Geld zum neuen offiziellen Kurs Geld ausspucken. Trotzdem wird man in Usbekistan schnell zum Millionär. Für 100 Euro erhält man dicke Geldbündel im Wert von cirka 1 Million Somoni. Die Währung ist immer noch alles andere als stabil und es wird sicher noch einige Zeit in Anspruch nehmen um die Währung auf sichere Füße zu stellen und die Inflation in den Griff zu bekommen. Die Versorgungslage im Land ist aber nicht wirklich schlecht. Diesel, bis vor kurzer Zeit nur wirklich schwer zu bekommen, ist besser verfügbar und auch die Supermärkte sind mittlerweile ganz ordentlich bestückt. Trotzdem gibt es noch viel anzupacken. 

 

Was uns aber ganz besonders in Erinnerung bleibt: In Usbekistan übernimmt langsam die Jugend das Land. Rund 40 Prozent der Usbeken sind unter 18 Jahre alt, im Gesamtschnitt sind 65 Prozent der Bevölkerung jünger als 30 Jahre. Und überall sehen wir Kinder und Jugendliche aller Altersklassen, in schicke Schuluniformen gekleidet auf dem Weg in die Schule oder zurück. Denn der Unterricht findet in Schichten statt. Sehr viele lernen schon in frühen Jahren Englisch, zumindest den Basiswortschatz. „I study english, because this is the future for myself and my homeland“ hauchte uns eine überaus attraktive,m aber auch schüchterne Usbekin entgegen, als wir wieder zu einem Selfie gebeten wurden. Viele der älteren Jugendlichen gehen auf sogenannte Institute oder Universitäten. Wir haben einige getroffen die inzwischen auch in Deutschland ein Gast-Auslandsemester absolviert haben. Vor ein paar Jahren war das mehr oder weniger undenkbar.

 

Verstärkt werden unsere Eindrücke auch durch eine Erzählung von Oli und Dagmar, unseren Reisefreunden aus München: Sie blieben noch länger in Samarkand und wurden von einem Deutschlehrer-Ehepaar nach Hause eingeladen. Natürlich unterhielten sie sich auch über die politische Situation und den neuen Präsidenten des Landes. Natürlich ist der Gastgeber und Lehrer Staatsloyal, aber eine Situation, dass er den jetzigen Präsidenten auch mal persönlich kennengelernt hat, lies uns wieder aufhorchen. So erzählte er Oli und Dagmar, dass die Tochter des jetzigen Präsidenten früher in der Klasse des Gastgebers unserer Freunde war. Der heutige Präsident kam eines Tages ganz normal in die Lehrer-Sprechstunde um sich über die Lernfortschritte seiner Tochter zu erkundigen. Damals war er "nur" Mitglied der Regierung, und wenn wir das richtig verstanden haben, war er zu dieser Zeit der Gouverneur der Region Samarkand. Er hätte den Lehrer ja auch in sein Regierungsbüro bestellen können. Hat er aber nicht. So ein Verhalten kann was aussagen, muss es aber nicht. Aber die Hoffnung, dass der jetzige Präsident es vielleicht wirklich ernst meint und sein Land in eine neue Epoche führt wollen wir mal zulassen. Und vieles von dem was wir beobachten konnten deutet darauf hin. Wir werden natürlich neugierig aus den Erzählungen unserer Freunde und verballern unsere letzten Internet KB’s mit der Suche nach Nachrichten aus Usbekistan. Und siehe da: Erst am Jahresanfang war der Präsident zu Besuch in Deutschland bei Frau Merkel. Auch unsere Medien haben diesen Besuch hoffnungsvoll kommentiert.

 

Die Hoffnung stirbt eben zuletzt. Alles Gute, Usbekistan!

Ach ja, ein paar Infos zu den vielen weißen Chevrolets bin ich euch noch schuldig. Als ehemaliger „Automensch“ glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Der Marktanteil von Chevrolet beträgt in Usbekistan über 90 Prozent. Nein, es sind nicht die amerikanischen „Bighorns“. Es sind die kleinen alten Opel (Kadett E), Minibusse, Matiz und so weiter. Überwiegend sind es ehemalige Ex-Daewoo-Modelle, die hier wie kleine weiße Hamster die Straßen verstopfen. 250.000 Fahrzeuge jährlich produziert seit 2008 die Gemeinschaftsfabrik von GM und der staatlichen UzAvtoprom. Chevrolet ist nach der Pleite von Daewoo 25 prozentiger Anteilseigner der Fabrik in der Nähe von Taschkent. 25 Prozent der dort produzierten Fahrzeuge gehen in den Export, überwiegend in andere GUS Staaten. Grob überschlagen dürften demnach in Usbekistan rund 1,8 Millionen Chevrolet durch die Gegend kurven. In einem Land, in dem vor nur einen knappen Jahrzehnt noch alte russische LKW und Ochsenkarren den Verkehr dominierten.